Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“

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Es wird und wurde bereits sehr viel über Elena Ferrantes Roman „Meine geniale Freundin“ geschrieben und gesprochen. Die meisten Meinungen sind positiv und in Italien und Amerika ist das Buch ein großer Erfolg. Wobei es kein einzelnes Buch ist, sondern ein Romanzyklus, der aus vier Bänden bestehen wird. Nun ist mit „Meine geniale Freundin“ der erste Band den deutschen Lesern zugänglich gemacht worden. Die übrigen drei Bände „Die Geschichte eines neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ werden zügig folgen. Dies als kleiner Trost, denn das Ende des ersten Bandes ist etwas abrupt und man möchte gerne weiter lesen.

Das Buch erzählt Geschichte und anhand der geschilderten Wege der Protagonisten wird diese für den Leser zugänglich und erlebbar. Auch die Geschichte um das Buch herum, die in allen Medien bereits für Furore sorgte, liest sich spannend, denn bis vor kurzen war die Autorin ein Mysterium. Elena Ferrante ist ein Pseudonym, denn sie wollte gerade nicht den Rummel um ihre Persönlichkeit, sondern stets ihre Werke im Vordergrund wissen. So gibt sie auch immer nur Auskünfte zu dem Zyklus und nicht zu ihrer Persönlichkeit.

Das Buch spaltet die Meinungen. Dies erinnert an die ständige Diskussion über ernsthafte Kunst und Unterhaltung. Der Roman „Meine geniale Freundin“ liegt dazwischen, tendiert aber zur Literatur. Durch die Leichtigkeit und chronologische Erzählstruktur ist der Roman für Vielleser sowie für Leser, die lediglich ab und zu mal zu einem Roman greifen wollen, geeignet. Dies trauen sich Rezensenten, die tief in der Literatur verwurzelt sind, nicht zuzugeben, denn wer sagt, Literatur verlange stets absoluten Tiefgang? Romane sollen emotional bewegen, den Leser mitnehmen, unterhalten und ihm neue Welten oder Menschen vorstellen. Jedes Buch, ob Unterhaltung oder Literatur, birgt in sich die Möglichkeit Anstöße zu geben, sogar zu bilden und die Welt aus anderen Perspektiven darzustellen.

Die eigentliche Handlung spielt im Neapel der fünfziger Jahre. Die Geschichte beginnt aber in der erzählerischen Gegenwart, in der die Spuren verschwinden. Der Sohn von Raffaella Cerulla, die von vielen Lina genannt wird, ruft bei Elena Greco an. Elena ist die Freundin von Raffaela und nennt diese wiederum als einzige Lila. Lila ist verschwunden und seit Jahrzehnten hatte sie ihr Verschwinden bereits angekündigt. Nur wusste Elena nicht, was Lila damit wirklich meinte. Selbstmord scheidet aus, sie wollte sich spurlos in Luft auflösen. Elena beginnt nun zu recherchieren und zu suchen. Hier beginnt der Rückblick auf ihre Kindheit. So baut sich langsam das Porträt einer Frauenfreundschaft auf, angefangen bei der Kindheit und Jugend in einem Arbeitervorort von Neapel. Die gleichaltrigen Mädchen freunden sich an. Lila ist eine Schustertochter und Elena, die Erzählerin, ist die Tochter des Pförtners. Lila erscheint als die ungezähmte Kluge, die aber gebändigt wird durch ihren zu Gewalt neigenden Vater. Lila wird in einer Szene von ihrem Vater aus dem Fenster geworfen, weil sie auf eine höhere Schule gehen möchte. Sie soll ihm im Geschäft aushelfen, nutzt aber auch die Zeit, um einen eigenen Schuh zu entwerfen. Später heiratet sie den Lebensmittelhändler. Anders verläuft Elenas Weg. Sie wird von den Eltern unterstützt und kann die weitergehenden Schulen besuchen. Beide suchen ihren Weg aus der Armut. Elena durch die Bildung und Lila durch die Zweckehe. Schon als Kinder träumten beide von der Flucht. Beide sind Freundinnen, die unterschiedliche Wege gehen, die sich nicht mehr einen lassen. Es geht um familiäre Gewalt, die Chance auf Bildung, aber auch um die von Männern geprägte Gesellschaft. Die Auflösung der Frauenrolle oder die Auflösung der eigenen Identität bis hin zur Auflösung…

Dieser Roman erzählt europäische Geschichte aus Frauensicht mit einem Reigen an vielen Charakteren und deren Schicksalen. Die damalige Welt ist noch eher geprägt von den Männern, die hier meist nur als Randfiguren auftauchen dürfen. Es geht um das Träumen und die Chance der Flucht, das Scheitern und den Einfluss der Gesellschaft sowie der Familie auf den persönlichen Lebensweg.

Die Figuren und die Geschichte bilden beim Lesen einen enormen Sog. Die vielen Charaktere, die am Anfang auf den Leser einströmen, kristallisieren sich schnell heraus und man benötigt nicht oft die beigefügte Übersicht. Der Roman ist lebendig erzählt und die neapolitanische Saga wird in den weiteren Bänden bis in die Gegenwart reichen. So umschließt dann letztendlich das ganze epische Werk die Zeit zwischen den 50er Jahren bis heute.

Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und Elena und Lila werden mir in guter Erinnerung bleiben.

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