Allard Schröder: „Der Hydrograf“

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Der Hydrograf ist bereits 2002 erschienen und liegt nun erstmalig in deutscher Übersetzung vor. Dies liegt wohl am Gastland der diesjährigen Buchmesse. Der Roman hat u.a. in den Niederlanden viele Preise gewonnen. Es ist ein literarischer, stiller Text der wohl zu Recht mit dem Zauberberg von Thomas Mann verglichen wird. Diesmal ruft nicht der Berg zur Innenschau, sondern das Meer.

Es wird vom Leben des Franz von Karsch-Kurwitz berichtet. Anscheinend hat sich wenig im seinem Leben ereignet. Der Erzähler blickt sechsundfünfzig Jahre nach dem Tod des Grafens aus Pommern auf dessen Leben zurück. Dieser ist Hydrograf und schifft am 15. April 1913 auf dem Viermaster Posen in Hamburg ein. Das Schiff hat das Reiseziel Valparaíso aber Karsch-Kurwitz ist das Ziel egal. Er will seine Forschung vorantreiben und beobachtet das Meer und macht seine Aufzeichnungen, sofern er diese nicht vergisst. Denn sein Reisegrund ist eigentlich eher eine Flucht. Er hat kurzerhand einfach diese Passage gebucht, weil er seinem belanglosen Landleben entkommen wollte. Vorrangig versucht er der arrangierten Ehe zu entfliehen.  Mit zweiunddreißig Jahren empfindet er seine Erinnerungen interessanter als seine jetzigen Perspektiven.

Seine Reisebegleitung besteht aus unterschiedlichsten Charakteren. Der eine Passagier heißt Moser, ein bodenständiger, gutbürgerlicher Salpeterhändler, der sich auf Geschäftsreise befindet. Der andere hört auf den schicksalshaften Namen Todtleben, ist Gymnasiallehrer und wird in Südamerika eine neue Stellung antreten. Diese Männer sind es, die den Alltag auf dem Schiff zusammen bestreiten. Ihre Träume, Gespräche und Einstellungen zum Leben nehmen Einfluss auf Karsch-Kurwitz.

Als das Schiff in Lissabon anlegt beobachtet Karsch-Kurwitz, der einen Landgang macht, wie ein Beiboot einen neuen Passagier an Bord bringt. Dieser neue Gast ist es, der Unruhe in die Gesellschaft bringt, denn es ist die Niederländerin Asta Maris. Erst wird sie für eine Schauspielerin, dann für eine Tänzerin gehalten, die sich auch auf den Weg in die Ferne macht. Karsch-Kurwitz fühlt sich sehr zu seiner Kabinennachbarin hingezogen. Sie sucht vertiefende Gespräche mit ihm, aber auch mal mit den anderen Reisenden. Durch die Anwesenheit der Frau rücken die wissenschaftlichen Bemühungen, die von vornherein nur ein Vorwand waren, immer mehr in den Hintergrund.

Die Männer buhlen um die Gunst der Frau. Lediglich Moser, der verheiratet ist, hält sich bedeckt. Karsch-Kurwitz fragt sich, ob er ein Leben mit so einer Frau wagen kann? Wie würde sein Leben verlaufen, könnte er sich in solch ein Abenteuer stürzen? Aber die rätselhafte Frau scheint auch ihre Geheimnisse zu haben und ist anscheinend nicht der Mensch, der sie vorgibt zu sein.

Am Zielhafen kommt es zur dramatischen Wendung. Asta Maris ist mit Todtleben an Land gegangen und Karsch-Kurwitz folgt Moser in seinem Schmerz und der Ausflug endet in einem Bordell. Sein schüchternes, krudes Frauenbild ist geprägt durch seine erste Berührung mit dem Element Wasser. Er war als Kind sehr krank und das tauchen in Salzwasser sollte Abhilfe schaffen. Es war sein Kindermädchen, die ihm im Wasser nahe war. Jahre später werden diese und ihre Tochter erneut in sein Leben eingreifen. Aber was ist während des Landgangs, auf dem Todtleben verletzt im Krankenhaus landet, tatsächlich vorgefallen?

Der Seegang kann das Schicksal einer Schiffsreise beeinflussen. Dies wissenschaftlich vorherzubestimmen, d.h. zu berechnen, wird immer etwas Ungewisses, d.h. eine Vermutung, beinhalten. Dies kann man auch auf die Reise des Hydrografen beziehen. Die Schiffspassage, die als Flucht begann, als eine Metapher für die Ungewissheit seines Lebens.

Ein sensibler Roman, der durch seine Stille und schöne Sprache besticht. Es ist eine Charakterstudie eines wohlhabenden Menschen, der stets auf der Suche nach seinem Glück ist und vor dem beginnenden Ersten Weltkrieg mit sich selbst konfrontiert wird. Ein Mann, der gelernt hat zu funktionieren, zu gehorchen, muss erkennen, dass materielle Sicherheit nichts bedeuten muss. Karsch-Kurwitz als gebildeter, überheblicher Mann muss sich selbst lernen in Frage zu stellen.

Der Roman lebt von der Sprache und der Stimmung. Die Atmosphäre an Bord wird spürbar und trotz der undramatischen Erzählstruktur bleibt das Buch durch seine psychologische Dichte stets fesselnd.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Allard Schröder: „Der Hydrograf“

  1. Um diesen Roman schleiche ich schon ein Weilchen herum … Ich denke, nun ist er „fällig“ ; )

  2. Pingback: Der Hydrograf | Philea's Blog

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