Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“

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Eine phantastische Erzählung, die sehr unheimlich ist und nachdenklich stimmt. Das Buch ist ein Spiel mit der Wahrnehmung gleich den Gemälden von M.C. Escher. Bereits in seinem Roman „F“ hat Kehlmann sich am Anfang des Romans dem Übernatürlichen geöffnet. Jetzt wird der Leser mit den Protagonisten durch eine Art Resonanz in eine sich herabwindende Spirale aus Dunkelheit gezogen.

Das Umschlagbild von Thomas Demand deutet bereits das Kommende im Text an. Gespiegelte Flure, die durch die Perspektive versetzt wirken. Die im wahrsten Sinne verrückte Wahrnehmung der geometrischen Figuren wird verstärkt durch den Lichteinfall einer nicht vorhandenen geöffneten Tür. Die Geometrie, d.h. die Winkelhalbierende wird auch im Text eine bedeutende Rolle einnehmen und gerade durch den Spiegelungsbegriff verschwimmen die Konturen, die Wahrnehmungen und der Boden der Tatsachen löst sich kontinuierlich auf…

Die Perspektive ist aus der Sicht des Familienvaters geschrieben. Er ist Drehbuchautor und macht sich ständig Notizen für die vom Produzenten verlangte Fortsetzung seines erfolgreichen Films. Er schreibt Ideen, Skizzen und kurze Gedanken in sein Büchlein. Aber er notiert sich mehr, er führt gleichzeitig Tagebuch. Wir Leser lesen diese Erzählung als würde uns dieses Notizbuch des Protagonisten zugespielt worden sein. Seine Notizen zum Film gesellen sich zu seinen Gedanken um seine Ehe und um den gerade begonnenen Urlaub in einem Ferienhaus in den Bergen. Seine Sätze gehen ab und zu ins Leere und bleiben unvollendet. Liegt es daran, dass er abgelenkt wurde, weil er nicht zu Ende gedacht hat oder sind seine Worte in der Spiegelwelt oder einer Parallelwelt gestrandet?

Wir lernen eine Familie kennen, die in einem Ferienhaus einquartiert ist. Das Haus liegt hoch oben im Gebirge, nahe einem Gletscher und kann nur durch eine enge Serpentinenstraße erreicht werden. Das Tal liegt in weiter Entfernung unter ihnen. Das im Tal liegende Dorf wirkt aus dieser Perspektive kubistisch. Die Landschaft ist geprägt durch schroffen Granit, durch den blauweiß schimmernden Gletscher und neblige Wälder. Die Handlung spielt vom 2. bis zum 7. Dezember, einen Tag nach dem im Text verpassten Nikolausfest. Schnell kristallisiert sich etwas Unstimmiges heraus. Etwas scheint mit dem Haus oder der Umgebung nicht zu stimmen. Die Fixpunkte verschieben sich. Der Griff zum Wasserhahn geht ins Leere, weil dieser plötzlich doch weiter weg ist. Die Spiegelungen zeigen eine Resonanz des Kommenden oder einer ganz anderen Wahrnehmung. Das eigene Spiegelbild in den Fensterscheiben verschwindet, wobei alles andere u.a. das Notizbuch sichtbar ist. Das Kind, das wie die ganze Familie unruhig schläft, wird vom Vater aufgesucht, um es zu beruhigen. Dieser Besuch wird für diesen verzögert sicht- sowie hörbar. Er, seine Frau und das gemeinsame Kind sind in dem komfortablen Ferienhaus und scheinen immer mehr aus der tatsächlichen Welt verrückt zu sein. Das Kind erzählt wirre Geschichten, die Mutter schaut und tippt stets in ihr Smartphone und der Protagonist ist immer mit seinen Notizen beschäftigt. Bei einem Einkauf im Dorf wird er als der Gast des Hauses erkannt und der verschrobene Verkäufer spricht die Warnung aus, das Haus zu verlassen. Diese Aufforderung zum Gehen findet sich auch plötzlich im Notizbuch wieder. Hat er diesen Hinweis an sich selbst geschrieben? Die ehelichen Spannungen und die wechselnden Stimmungen werden durch den fehlenden Bezug zur Realität und die Verschiebung der Wahrnehmung, die anscheinende Einkehr einer anderen diabolischen Dimension immer unheimlicher.

Gleich den Bildern von M.C. Escher lesen wir einen Text, in dem mit Perspektiven und Wahrnehmungen gespielt wird. Der Weg, der nach unten geht, endet oben und alles wirkt zwar echt, ist aber verrückt. Eine tolle kunstvolle Erzählung.

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Eine Antwort zu “Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“

  1. Ich mag die Erzählweise von Daniel Kehlmann

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