Emma Braslavsky: „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“

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Der Mensch ist ein Tier in einer Welt, in der er meint alles zu kennen. Er empfindet sich dem Tierischen enthoben und stellt sich an die Spitze der Evolution. Die Erde als Spielball seiner Triebe. Aber sind es nicht gerade die Triebe, die ihn wieder tierischer als jedes Tier werden lassen? Kennen wir unsere ganze Erde? In der nahen Zukunft oder der verlängerten Gegenwart zeigt uns Emma Braslavsky Menschen, die treiben und getrieben werden. Das Thema könnte nicht kleiner sein: die Entwicklung des Menschen an sich, also wie der Mensch sich selbst entwickelt. Hier taucht sie auf, die erste, wortwörtliche Haarspalterei, denn die Entwicklung der Menschheit ist passiv und wenn der Mensch sich selbst entwickelt, nimmt er eine aktive Rolle im Weltenspiel ein. Sofern die Natur sich selbst reguliert, ist alles im Fluss, tritt der Mensch auf die Bühne des Lebens, will er mit seinem Verstand organisieren und hinterlässt allzu gerne Chaos.

Ein aberwitziger Roman, in dem die nahe Zukunft als solche fast nicht in Erscheinung tritt, denn die Utopie klingt in ihrer beklemmenden Art fast schon gegenwärtig. Der Roman ist aber niemals verkopft und entwickelt einen Lesefluss, der unterhält, nachdenklich stimmt und trotz der dunklen Vision viel Humor besitzt. Er erinnert an den Roman „Terra!“ von Stefano Benni, in dem das Los der Zukunft in der Vergangenheit liegt und in einem irrwitzigen Finale endet. Braslavsky schreibt, als wäre sie bei Kurt Vonnegut in die Lehre gegangen.

Wir treffen auf Menschen, die die Sinnsuche durchlaufen und durch Triebe gelenkt werden. Der Mensch, der sich fortpflanzen möchte, sichert seinen Fortbestand durch naturwissenschaftliche Entwicklungen und Errungenschaften. Hierbei kann ein herumwirbelndes Haar den Anfang machen. Seit der schamhaften Vertreibung aus dem Paradies sucht die Menschheit die Zuflucht in diesem und sehnt sich nach Neuanfang. So wird ihr dieses auch möglich durch einen Wirbelsturm, genannt Frankenstrom Tony, der eine unentdeckte Insel einfach erscheinen lässt.

Wir lernen Jivan Haffner Fernández als Hauptfigur kennen. Er ist Architekt und seitdem es lukrativ erscheint, unterirdisches Bauland zu veräußern, spezialisiert auf Bunkerbau. Doch ist es bis zur finalen Freigabe dieses neuen Geschäftsmodells ein längerer Weg. Jivan ist ein chauvinistischer Anfangvierziger, der den Feministen und verständnisvollen Mann mimt, aber ein manipulativer Sexist ist. Er war vermögend, doch durch seine Onlinespielsucht ist er eigentlich pleite. Das Erbe seines Vaters kann er nur antreten, wenn er einen Nachwuchs zeugt, so der letzte Wille seines Vaters. Dies passt aber nicht in den Lebensplan seiner Frau, Jo Lewandowski Fridman. Sie ist selbstsüchtig und karrierebesessen, ohne aber wirkliche, eigene Ziele zu haben. Sie meint die Welt verbessern zu müssen, wird aber eher getrieben, als dass sie selbst Dinge anstößt. Sie spielt die ökologisch Korrekte, die das nicht vorhandene Vermögen ihres Mannes ausgibt. Die Ehe, die Beziehung der beiden  dient eigentlich nur noch dem Zweck und versickert immer mehr.

Ferner wird in das Spielfeld des Romans Roana Debenham geworfen. Sie ist die Tochter eines Bauunternehmers, der wie in seiner Familie üblich den Nachwuchs zum Erwachsenwerden indianerhaft für mehrere Wochen der Natur überlässt. Sie ist ein blutjunge, neunmalkluge Frau, die von ihrem Vater nach Südamerika zu einem einsamen und noch grummelnden Vulkan des Ojos del Salado geschickt wird. Sie hat wenig Geld und der Rückflug ist in drei Monaten gebucht. So lebt sie die ersten Tage im Zelt auf öder, rumpelnder Erde unter der Wölbung des ganzen Kosmos. Doch anstelle die Vernunft zu finden, um im väterlichen Unternehmen einzusteigen, macht sie sich auf Wanderschaft und auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Zwischendurch lesen wir in N-Global, einem weltumspannenden Nachrichtenkanal, in dem stets das Zeitgeschehen gepostet wird. Mit dem Link zur Übersetzung in die individuelle Landessprache. Auch verfolgen wir Noah, kurz No, der mit dem Namenskürzel den grauen Alltag verneint und mit seiner Freundin, Jule, ausgestiegen ist. Beide sind splitternackt und voller Hoffnungen an einer paradiesischen Bucht gestrandet. Im Gegensatz zu Jo Lewandowski Fridman, die gerne über Tierschutz und Aussteigen redet, haben es No und Jule einfach gemacht, müssen aber erkennen, dass das, was man ins Paradies mitnimmt, man selber ist.

Die Handlungsfäden sind bizarr, aber verlaufen zueinander und es endet in einem lebensgefährlichen Finale. Auf dem Weg treffen die Protagonisten auf tolle bekannte und unbekannte Nebenfiguren.

Der Roman beschäftigt sich mit vielen Themen und die Figuren kreisen um diese. Wie überlebt man schick einen Schiffbruch? Wie macht man mehr aus Haar? Wie machen wir uns in der Zukunft? Fluch und Segen ein Mensch zu sein. Am Ende fragt sich der Leser, wohl auch ein Mensch, ob sein Leben ebenfalls keine Art ist, mit einem Tier umzugehen. Somit ist das Buch eine tolle, abgedrehte Bereicherung!

Zum Buch / Shop

Song, Videos und mehr auf: www.leben-ist-keine-art.de

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Emma Braslavsky: „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“

  1. Der Roman steht als Nächstes auf meiner Liste. Bin schon sehr gespannt. Rezi macht auf jeden Fall Lust darauf.

  2. Das ist ja interessant – ich hatte auch schon ein paar mal überlegt, das Buch zu lesen, hatte aber was absolut anderes erwartet. Ich danke für die Korrektur und werde es vielleicht immer noch lesen.

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