T. C. Boyle: „Die Terranauten“

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Das Leben unter einer Glaskuppel. Was passiert wenn vier Männer und vier Frauen in einem Terrarium eingesperrt werden und zwei Jahre darin überleben sollen? Es gibt nur eine Regel: Nichts darf rein und nichts darf rauskommen. Der Vergleich zu diversen Fernsehprofilen der Gegenwart drängt sich beim Lesen auf, denn besonders die Auswahl der Probanden erinnert an bekannte Castingshows. Das Dschungelcamp oder Big-Brother unter dem Deckmantel der Wissenschaft. So liest sich auch der Roman sehr zügig und man mutiert selbst zu einem kleinen Voyeuristen.

T.C. Boyle, wohl der Rockstar der amerikanischen Literatur, versteht es erneut uns Leser zu fesseln. Er ist ein sarkastischer, kluger Autor, der gerne Fakten als Grundlage seiner Romane nimmt, die dann literarisch, gesellschaftskritisch und voller wundersamer Geschichten sind.

„Die Terranauten“ beginnt im Jahr 1994, als eine Gruppe von begeisterten Wissenschaftlern der Frage nachgeht, ob Leben in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System langfristig möglich ist.  Dieses Experiment hat man in Arizona tatsächlich durchgeführt. Die sogenannte „Biosphäre 2“ ist ein Gebäudekomplex mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges, in der ursprünglichen Planung sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. „Biosphäre 2“, da es als zweite „Erde“ gesehen wird. Im Roman ist es eine riesige Glaskuppel, die „Ecosphere 2“ genannt wird. Die Leiter und die sehr vermögenden Sponsoren planen eine zehnjährige Laufzeit mit je zweijährigem Teamwechsel. Das Team muss sich in diversen Eignungstests behaupten. Sie werden zu Meer und zu Land in diversen Landschaftsformen getestet. Der Roman beginnt, als die letzten sechszehn Teilnehmer zum Gespräch gebeten werden. Es sollen die Namen, der Personen genannt werden, die es in die Kuppel geschafft haben. Aus drei verschiedenen Perspektiven, die stets in gleicher Reihenfolge aufeinanderfolgen, erschließt sich die Handlung. Die Helden des Romans sind Dawn Chapman, gefolgt von Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Dawn und Linda haben sich in der Bewährungsphase angefreundet und beide warten auf ihr Ergebnis. Da von den sechzehn nur acht weiterkommen, ist die Aufregung sehr groß. Dawn und Ramsay werden genommen und Linda muss draußen bleiben. So wird das Leben in der Kuppel aus zwei Perspektiven erzählt, während Linda alles mit Missgunst und Neid von draußen als Angestellte des Mission Control beobachtet und infiltriert.

Der Einzug soll ein großes Medienspektakel werden. Doch ist es bereits der zweite Einzug, das vorangestellte Team hatte die Luftschleuse geöffnet, weil eine Teilnehmerin durch einen Unfall einen Finger verloren hatte. Nach der Operation ist diese Teilnehmerin mit Einkaufstüten erneut in die Ecosphere eingezogen. Dadurch verlor das Experiment an Glaubwürdigkeit und das mediale Interesse verebbte.

Doch einige Schaulustige und Journalisten sind beim Einzug der acht neuen Bewohner anwesend. Mit freudigen Primatenrufen ziehen diese in ihre neue Heimat für die kommenden zwei Jahre ein. Sie nehmen sich fest vor, egal was passiert, dass die Schleuse geschlossen bleibt. Jeder hat nun seine Aufgabe zu erfüllen. Dawn ist für die Pflege der Tiere zuständig und Ramsay ist u.a. das Sprachrohr zu den Medien. Sie müssen von dem leben, was sie im Terrarium anbauen und ernten können. Sie haben verschieden Landschaftsformen und somit wächst auch unterschiedliche Fauna und Flora in dem großen Gewächshaus. Sie müssen sich u.a. mit Ameisen, Kakerlaken und Galagos zurechtfinden und deren wichtigen Beitrag in der Ecosphere berücksichtigen. Man kann alle möglichen Welten erschaffen und wenn diese belebt werden, kann wohl alles passieren und es kann für alle zu ungeplanten Überraschungen kommen. Die Natur verläuft gerne entgegen den Erwartungen der Wissenschaft. So werden die Nahrung und zuletzt sogar der Sauerstoff immer knapper.

Im ersten Jahr leben sich die Probanden ein und bekommen andere Gesichter nur durch eine gefängnisartige Besucherzone zu sehen. Dadurch kommt es auch zu ersten zwischenmenschlichen Problemen und Phantasien. Ramsay, der leicht sexsüchtig ist, nähert sich Dawn immer mehr. Diese unwissenschaftlichen Züge sind es, die das allgemeine Interesse am Projekt beleben werden. Denn die unwiderstehlichen Phantasien von Entblößungen, Entgleisungen und der Sex treffen stets den Nerv von Zuschauern, die zu der großen Kuppel reisen, um die Insassen zu beobachten und zu fotografieren. Das Leben hinter Glas bietet kaum Privatsphäre.

Zum Wechsel in das zweite Jahr wird Dawn schwanger. Das spaltet das Team und es kommt zu Turbulenzen. Doch es bleibt bei dem Leitspruch, dass nichts die Kuppel verlässt und nichts und niemand herein darf. Somit könnte es das erste Kind werden, das innerhalb einer künstlichen Atmosphäre zur Welt kommt. Aber genau das war ja eigentlich auch der Plan des Experiments, der Versuch des menschlichen Überlebens innerhalb eines kreierten unabhängigen Ökosystems. Die Medien fokussieren die Eltern des Kindes und diese werden berühmt. Dies zieht aber noch mehr Neider mit sich und Linda plant außerhalb der Kuppel an ihrer Karriere und ihrer Rache…

Der Roman ist ein typischer Boyle, der anhand dieses aberwitzigen Projekts unsere menschlichen Schwächen aufzeigt. Trotz des zynischen Tons fehlt mir zu Teilen etwas der typische Humor von T.C. Boyle und die Handlung hat ab und zu einige Längen. Dies ist aber jammern auf hohem Niveau, denn der Roman ist spannend und unterhält ungemein und ich habe ihn verschlungen.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “T. C. Boyle: „Die Terranauten“

  1. Bri

    Zum lesen muss ich zurückkommen … ich muss erst ganz unvoreingenommen selbst lesen … LG Bri

  2. Ah, du hast den Roman schon gelesen. Ich hebe mir deine Rezension für später auf, dann, wenn ich ihn auch fertig habe. Am letzten Absatz konnte ich jedoch nicht schnell genug vorbei scrollen. Hoffentlich gefällt er mir auch so gut 🙂

  3. Hallo Hauke, das klingt nach einem Buch für mich!
    Liebe Grüße Heike

  4. Ich muss zugeben, dass ich T.C. Boyle zum letzten mal in meiner Schulzeit gelesen habe. Der Roman hört sich aber wirklich spannend an! Tolles Foto übrigens!

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  6. Pingback: Rezension Die Terranauten von T.C. Boyle – buchbunt.blog

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