Martin Suter: „Elefant“

martin-suter-elefant

Der neue Martin Suter lehrt die Ehrfurcht vor dem Leben, wie auch immer es entstanden sein mag und wo auch immer es lebt und liebt. Suter schreibt über große Themen und spielt mit dem Gedankenkonstrukt der Evolution versus Schöpfung. Das eine als der natürliche Lauf der Dinge und das andere als das bewusste Eingreifen, um Leben zu manipulieren mit dem Ziel, daraus Gewinne zu erwirtschaften. Es wäre wohl kein Suter, wenn er nicht mehr aus seinen Texten und Ideen herausholt. Es geht auch um die Menschlichkeit, die in verschiedenen Facetten im Roman beschrieben ist. Die Charaktere sind Obdachlose, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, Veterinäre, Wissenschaftler und ein kleiner, rosa Elefant, der im Dunkeln leuchtet.

Schoch lebt in seiner versteckten Höhle am Fluss. Seine Behausung hat er geerbt von einem Mitobdachlosen, der, als dieser mit dem trinken aufhörte, kurz darauf verstorben war. Aus Angst, selbiges Schicksal zu erleiden, hält Schoch seinen Pegel. Aber vor zehn Uhr rührt er keinen Alkohol an, lediglich seine zwei Morgenkaffee, die er sich in der Stadt günstig zu besorgen weiß. Eines Nachts nimmt er im Rausch einen Besucher in seiner Höhle wahr. Erst denkt er, es sei ein leuchtendes Spielzeug, ein rosa Minielefant. Doch es ist ein lebendiges Tier, das ihn, nachdem er realisierte, dass es keine Alkohol geschwängerte Traumwahrnehmung ist, als neue Ziehmutter annimmt.

Es ist ein Experiment, das in Sri Lanka seinen Anfang nahm. Der Genforscher Roux ist karriereversessen und möchte seinen ehemaligen Arbeitgeber, der ihm seine Patente geklaut hat, nun mit einer eigenen Firma übertrumpfen. Er hat sich befruchtungsfähige Eizellen eines Elefanten aus Sri Lanka organisiert und hat diese genetisch modifiziert. Ein Zirkusdirektor, der mit seinen Elefanten Nebeneinkünfte durch Leihmutterschaft erzielt, stellt Roux eine Elefantenkuh zur Verfügung. Roux ist es gelungen eine Kombination aus Luziferin und dem Pigment vom Mandrill in das Erbgut zu integrieren. Der neugeborene Elefant würde dann nicht nur im Dunkeln leuchten, sondern er wäre auch komplett rosa. Dies würde eine neue Welt öffnen: Tiere als perfektes Maskottchen oder ähnliches. Der chinesische Markt hat sich in seine Firma eingekauft und hegt ebenfalls reges Interesse an diesen neuen Möglichkeiten. Doch entwickelt sich der Embryo ganz anders. Er leidet unter mikrozephalem osteodysplastischen primordialen Zwergwuchs Typ II. Der Fötus wächst kaum im Mutterleib, entwickelt sich aber sonst ganz normal.

Der Elefantenpfleger, Kaung, liebt seine heiligen Tiere und plant mit dem Tierarzt Dr. Reber eine nicht für alle lebensrettende Verschwörung. Sie verheimlichen die Geburt und verstecken den kleinen Elefanten, den sie Brisha, nach dem Hindi-Wort für Regen, nennen. Doch die Gegenspieler ahnen den Komplott und bekommen Hilfe von einem chinesischen Unternehmen, das in dem rosa Minielefanten, der nachts leuchtet, ein gelungenes Spielzeug wittern. So kommt es zu einer Flucht, die nicht für alle glimpflich ausgeht und Brisha landet in der Welt von Schoch, der den Elefanten fortan Sabu nennt. Jetzt werden Schoch und Valerie, die Schoch mit Sabu unterstützt, die Gejagten.

Ein kleiner Minielefant als Held klingt süß. Man möchte doch auch so einen Freund als Haustier haben. Aber genau hier setzt Suter ein. Was bilden wir Menschen uns ein, dass wir alles was niedlich ist, haben und manipulieren möchten? Auch der Elefant im Roman verlangt Respekt. Er will als echtes, ehrfurchtvolles Lebewesen gesehen werden. Wir Menschen forschen und werden durch das zu genaue Hinsehen oft auf vielen Augen blind. Der Vorteil, Erbgut zu entschlüsseln, kann bedeuten, dass man Genfunktionen ausschalten und u.a. Krebs sowie Alzheimer besiegen könnte, aber es weckt auch kriminelle Energie. Wir bauen uns eine Welt, in der wir das Wachstum selbstbestimmt kreieren wollen. Aber wo sind die Grenzen und wo bleibt die Menschlichkeit?

Suter spielt mit kleinen sowie konstruierten Wundern, umspannt den ganzen Bogen der Gesellschaft und stellt nebenbei sozialkritische und ethische Fragen. Der Roman entwickelt einen spannenden Plot, der sofort Bilder im Leser hervorzaubert und man taucht gerne erneut ein in die Romanwelt von Martin Suter, die bildet, unterhält und feinen Lesespaß verspricht und  auch hält.

Zum Buch / Shop

Siehe auch die Besprechungen auf: brasch & buch und Pinkfisch

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Martin Suter: „Elefant“

  1. Pingback: Alles leuchtet. Aber leuchtet es auch ein? | brasch & buch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s