Radek Knapp: „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“

Radek Knapp Der Mann der Luft zum Frühstück aß Deuticke Hanser Verlage

Radek Knapp erzählt von einem Menschen, der als Kind alles zurücklassen muss und sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu definiert, um letztendlich in der Fremde doch sein Zuhause zu finden.

Radek Knapp schreibt in seinem unverwechselbaren Stil mit viel Humor und mit einem gesunden naiven Blick auf die Welt. Die Buchliebhaber, die sich, wie ich, auf Knapps Lesefutter freuen, kann man wohl getrost eher Fans als Leser nennen. Seine Wendungen, Ideen und Formulierungen verblüffen stets aufs Neue und bringen einen nicht selten zum Lachen, wobei es immer einen ernsten Unterton gibt, der nach der kurzen Verweilzeit im Buch den Leser noch zum Grübeln animiert. Der Stil von Radek Knapp lässt sich ziemlich bündig festhalten: schwungvoll kreativ.

Der Titel des Romans erklärt sich aus einer Geschichte, die den Protagonisten des Romans, Walerian, lange begleiten und sogar ein Vorbild sein wird. Ein Mann, der von zwei Gangstern gefangen gehalten wurde und trotz Nahrungsentzug nicht klein beigab. Er ernährte sich einfach von Luft, die ihn sogar so stark machte, dass er die Gefängnistür auftreten konnte und seinen Peinigern lachend entkommen konnte.

Walerian, der Held des Romans, ist der Sohn einer unzurechnungsfähigen Mutter, die ihm eigentlich den Namen Jan geben wollte, ihn dann aber nach ihrem Beruhigungsmittel nannte. Als Walerian noch Kleinkind ist, taucht sie mit ihm im Arm bei den Großeltern auf, mit der Bitte, über das Wochenende auf Walerian aufzupassen. Das Wochenende hat eine Dauer von elf Jahren. Als Walerian zwölf ist, zieht die Mutter mit ihm von Warschau nach Wien. Die Suche nach einer passenden Schule wird zur Qual der Wahl und die schulische Laufbahn ist von kurzer Dauer. Er beschließt, dass er lieber arbeiten möchte und seine Mutter setzt ihn dann auch einfach vor die Tür.

Er ist nun auf sich allein gestellt und genießt seine anfängliche Freiheit, die er in einer schimmeligen Wohnung in einem eher vermögenden Viertel der Stadt bezieht. Da er doch nicht nur Luft essen kann, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seinen durch Indiana Jones geweckten Berufswunsch muss er nur unter bestimmten Gesichtspunkten aufgeben. Denn als er als Heizungsableser tätig ist, hat er das Gefühl gleich einem Archäologen in den Schichten des Wiener Lebens zu graben. Er lernt viel über Grenzen, Geschmack und Gewohnheiten der Menschen. Teresa, seine Romanze aus der Handelsakademie, tritt erneut in sein Leben und bringt mit sich den Einstieg in das eigentliche Zuhause. Sie ist es auch, die ihm durch einen Kontakt zu weiteren damaligen Schulkameraden, die mit klugen Handys den Markt erobern wollen, die Augen für seinen tatsächlichen Lebensweg öffnet. Wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden, kann seine Heimat überall sein. Er kann sich von der Vergangenheit lösen und sich von seiner zeitraubenden Starrkrankheit befreien. Doch wird jede Heilung von der Wirklichkeit geprüft und der Mensch wird wieder vom Schicksal auf die Probe gestellt. Walerian stiftet erneut, diesmal bewusst, Verwirrung bei einem Selbstmörder und immer wieder ist es die Luft, die allen zu schaffen macht…

„Schnelligkeit ist gut für Atome, aber nicht für die Wesen, die aus ihnen bestehen.“

Radek Knapps Humor und Ideenreichtum sprudeln aus dem feinen kleinen Text, der es dennoch versteht, einen nachdenklich zu stimmen. Knapp erzählt mit einer Leichtigkeit und Hingabe zu seinen Figuren, die er immer wieder an Grenzen bringt und aus der Sicht eines staunenden Menschen beobachtet, der die Naivität als einen Anker in die Wirklichkeit auswirft.

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