Michela Murgia: „Chirú“

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Die charmante Stimme Sardiniens führt fort, was sie mit Accabadora begann. In Accabadora beschreibt Michela Murgia das Erwachsen einer jungen Frau in einem sardischen Dorf. Das Aufwachsen und lernen bei einer Sterbefrau. Accabadora zeigt uns getriebene Menschen, voller Erinnerungen, die gleich Treibholz auf dem Meer den Gezeiten ausgeliefert sind. Michaela Murgia nimmt das Bild des Treibholzes gleich im ersten Satz ihres neuen Romans wieder auf. Chirú kam gleich einem Holzstück an den Strand. Er wurde durch die Gezeiten geformt und tritt fast schon frech in Eleonoras Leben. Sie ist Ende Dreißig und er erst achtzehn Jahre alt. Auch wenn Welten diese beiden zu trennen scheinen, entsteht eine verrückte Beziehung, die uns in die Kunstwelt führt.

Der Roman birgt gleich Accabadora gewiss viele biographische Bezüge der Autorin, die aus Sardinien stammt und zu den bedeutendsten Autorinnen Italiens zählt.

Der Roman ist aus der Perspektive Eleonoras geschrieben, einer erfolgreichen Schauspielerin, die ein selbstbestimmtes Leben führt. Ihre Blicke in die Vergangenheit vertiefen ihre sanfte Melancholie. Chirú, ein junger Musikstudent, den sie als noch im Werden ansieht, tritt forsch und selbstbewusst in ihr Leben. Er ist ein Junge in der Kleidung eines Erwachsenden, die er noch nicht zu füllen weiß. Er bittet sie um Unterricht und Eleonora nimmt sich seiner an und begleitet seine Entwicklung. Sie lebt bereits in der Künstlerwelt, in die Chirú von ihr nun eingeführt wird. Sie ist eine edle, modebewusste Italienerin, die aber auch stets etwas Trauriges umweht. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und musste sich erst aus dem familiären Umfeld befreien. Ihr Vater, ein dominierendes Familienoberhaupt, hat ihr bis zu ihrer Befreiung das Leben schwer gemacht. Bereits in einer Szene am Anfang des Romans wird dies sehr deutlich. Bei einem Jahrmarktsbesuch wird ihr als Achtjährige ein Spielzeug verweigert, weil sie ihr Kleid beim Spielen beschmutzt hatte. Sie begreift als Kind das Spiel von Wunsch, Begehren, Strafe und Belohnung. Sie erkennt die Herrschsucht und ihr Mitgefühl für die Abgründe anderer und mit jungen Jahren wird ihre Kindheit beendet.

Als erwachsene Frau lebt sie ein einfaches, fast schon einsames Leben und genießt ihre Auftritte im Theater. Chirú erwählt sie als Musiklehrerin, die das Leben durchschaut. Im Vordergrund des Romans steht die Beziehung der beiden zueinander. Ihre Liebe oder eher ihr Begehren ist ungleich und zwischen der Lehrerin und ihrem Schüler stets fragwürdig und heikel. Sie kommen sich näher, wobei er als ein Kind im Manne erscheint, das die Beziehung ausnutzt und manipuliert. Eleonora kann seiner Jugend und seinem unverschämten Selbstbewusstsein nicht wiederstehen. Doch während einer späteren Tournee kommt es zum Bruch und es liegt an den Figuren, ihre jeweils neuen Rollen zu finden.

Die Beschreibungen der Kunstwelt, in die sie eintauchen, sind humorvoll. Der Roman ist gleich einem Lehrstück geschrieben, denn die Kapitel heißen Lektionen und bieten viel Raum für exakte Beobachtungen. Lektionen über die Frage wer oder was uns prägt oder beeinflusst. Es ist eine Geschichte, die witzig und tiefgründig ist und ab und zu mit charmantem mediterranem Kitsch den Leser einnimmt. Der Wechsel zwischen klugen Dialogen, humorvollen Beobachtungen und melancholischen Rückblicken ist gekonnt ausgewogen. Das Tiefgründige ist in kleinsten Anhaltspunkten eingesetzt oder in die kunstvollen Beobachtungen eingestreut. Michela Murgia ist eine einfühlsame Erzählerin, die erneut die Untiefen der menschlichen Beziehungen beleuchtet.

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