Donatella Di Pietrantonio: „Arminuta“

Donatella di Pietrantonio Arminuta Kunstmann

Ein Roman, der einen durch die Gestaltung direkt anschaut und sich dann beim Lesen mit einer enormen Kraft entwickelt. Die Erzählerin ist ein junges Mädchen, die in jenem Dorf, in dem sie erwachsen wird Arminuta, die „Zurückgekommene“,  genannt wird. Sie hat zwei Familien, für sie sind es zwei Elternpaare und es beschäftigt sie die Frage, warum sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt wurde? Wer ist ihre Mutter? Die, die sie geboren hat, oder die, bei der sie aufgewachsen ist? Ein feiner italienischer Roman, der die Fragen nach der Identität und der Kluft, die zwischen Menschen durch Armut entstehen kann, stellt. Die Frage nach Zugehörigkeit beschäftigt das Mädchen lange, aber keimen in ihr auch Schuldgefühle. Da sie zwei Mal weggegeben wurde, sucht sie die Ursachen und Fehler bei sich selbst.

Der Roman beginnt mit dem prägenden Satz: „Als Dreizehnjährige kannte ich meine Mutter nicht mehr.“ So beginnt ihre Geschichte. Sie wuchs bei ihren Eltern wohlbehütet auf. Sie wohnte in einem kleinen, sauberen Haus an der See. Ihr Vater, ein Carabiniere, bringt sie eines Tages mit einem kleinen Koffer und einer Tasche, die lieblos gepackt wurde, zu einer ihr unbekannten Familie in einer kleinen Wohnung. Bereits der erste Eindruck ist ein verwahrloster, muffiger und ranziger. Ihre echten Eltern wollten sie wieder haben, mehr wird ihr nicht erklärt. Der Abschied von ihrer Mutter, bei der sie bisher gelebt hatte, war bereits lieblos und die Ankunft in der neuen Familie reißt ihr noch mehr den Boden untern den Füßen weg. Niemand scheint sich zu freuen, keiner scheint auf sie gewartet zu haben. Nicht einmal an ein Bett für sie wurde gedacht. Sie ist verzweifelt und fühlt sich jetzt also zum zweiten Mal abgeschoben, aber sie nimmt es dennoch hin und versucht sich irgendwie einzuleben. Nur fehlt ihr das Verständnis.

Die neue Umgebung und Familie stehen ganz im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben. Die Wohnung und die Geschwister sind schmutzig, kennen z.B. keine Eiscreme und leben von der Hand in den Mund. Das Gefühlsleben wird in der neuen Familie niemals thematisiert und sie wird eher verächtlich in den Familienkreis aufgenommen. Sie wird als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, auch wenn ihre jüngere Schwester, mit der sie das Bett teilen muss, dieses einnässt. Zu dieser Schwester kann sie die erste freundschaftliche Beziehung aufbauen. Die sehr körperlichen Jungs, die sich pubertär verhalten, erzeugen eine große Distanz, bis sich doch auch hier eine Verbindung herauskristallisiert.

Ihre ersten Eltern, die Eltern vom Meer, haben sie niemals ganz aus den Augen verloren und unterstützen sie, wenn es geht. Auch gleich am Anfang, als sie einen Brief geschrieben hat, wird ein Etagenbett angeliefert, das von ihren ersten Eltern bezahlt, von der neuen Familie ohne viel Kommentar einfach hingenommen wird und diese in der Annahme des verwöhnten Kindes bestärken. Letztendlich wird es die Bildung sein, die sie aus der ungebildeten Welt erlöst.

Ein ergreifender Roman, der viele Facetten des Lebens beleuchtet. Die Mutterliebe und die Frage nach der örtlichen, zufälligen Geburt, die entscheidet, ob ein Kind in Armut oder im Wohlstand aufwachsen kann und darf. Gibt es überall eine Chancengleichheit? Ein schöner, trauriger, und bewegender Roman, der auch von Michela Murgia (Autorin von u.a. „Accabadora“ und „Chirú“) hochgelobt wird. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die eine Heldin benennt, die ihren Platz im Leben sucht.

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