Ralf Günther: „Die Badende von Moritzburg“

Durch die Industrialisierung und die Bildung der Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts entstand eine Sehnsucht zur Natürlichkeit. Vorweg gab es eine Entwöhnung, eine Entfremdung von der Natur. Die beengten Lebensbedingungen weckten das Verlangen nach natürlichen Erfahrungen in der unberührten Natur und nach Natürlichkeit. Besonders die Zeiten des Biedermeiers waren geprägt von engen Konventionen. Das allgemeine Zusammenleben war streng reglementiert, besonders was Kleidung, Sitten und Moral betraf. So kristallisierte sich langsam ein Gespür heraus für die Natürlichkeit. Viele Philosophen und Künstler wurden sich des Unnatürlichen im Lebensumfeld bewusst. Hiermit spielt die Novelle von Ralf Günther, mit dem Wechsel zwischen engem, stickigem Stadttreiben und der offenen Natürlichkeit. Wir werden in der sogenannten Sommernovelle Zeuge vom Ablegen des gesellschaftlichen Korsetts.

Die Protagonistin, Clara Schimmelpfenninck, leidet seit dem Tod ihrer Mutter an Atemnot. Sie hat regelmäßig Anfälle und Schübe von beklemmenden Leiden. 1910 befindet sie sich in einem Sanatorium und nach wenigen Wochen Aufenthalt ist ihre hysterische Atemnot gemindert. Die Pflege mit viel Luft und veganer Ernährung lässt sie symptomfrei werden. Ihr behandelnder Arzt benötigt selbst eine Kur und ein junger Vertretungsarzt, Dr. Brandstetter, nimmt sich der Patienten an. Da Claras Hauptproblem die Langeweile ist, lässt sie sich auf eine ungewöhnliche, anscheinend moderne Therapie, die auf einen Mann namens Freud zurückgreift, ein. Nach kurzer Auffassung scheint der Mediziner eine Diagnose parat zu haben, die dem Verlust der Mutter, dem frühen Erwachsenwerden und den gesellschaftlichen Regeln geschuldet ist. So ist besonders die Kleidung, das Korsett, zwangsläufig mit Schuld am körperlichen Leid. Ohne die Schicklichkeit und den Anstand zu verletzen, möchte er die Therapie für Clara räumlich verlagern. Das Städtchen Moritzburg ist zwei Stunden entfernt und würde der Heilung durch die Lage förderlicher sein. Sie willigt ein, da es um ihre Gesundheit geht, aber auch, weil sie weiterhin unter Langeweile leidet und sie lediglich als Patient und Arzt zusammen reisen.

Nach der qualmenden Zugfahrt kommen sie an und während Dr. Brandstetter bereits die Pension „Sorgenlos“ bezieht, macht Clara bei einem Spaziergang in der Natur Bekanntschaft mit nackten Mitgliedern der Künstlergruppe „Die Brücke“. Ohne Korsett und in der Natur kann Clara gänzlich durchatmen und verbringt Zeit mit Kirchner, Pechstein und Heckel.

Eine leichte, wirklich sommerliche Lektüre, die nicht nur Clara befreien kann. Kunst als Bild der Befreiung, als Ablegen der einengenden Kleidung, die der Mode der Zeit entspringt. Die Metapher des Buches spannt den Bogen vom atemraubenden Korsett zur befreiten Nacktheit – sei es körperlich oder seelisch betrachtet. Die Novelle ist sehr unterhaltsam und dicht erzählt. Man liest sich sehr schnell ein und befindet sich zügig in der Vergangenheit und somit in der Handlung, d.h. dem gesellschaftlichen Gemälde, das Ralf Günther sprachlich gemalt hat.

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