Kirstin Breitenfellner: „Bevor die Welt unterging“

Picus Breitenfellner Bevor die Welt unterging

Ein Roman über das Erwachsenwerden in den achtziger Jahren. Die Zeit war geprägt von Ängsten vor den politischen Entwicklungen und dem stets schwelenden Kalten Krieg. Das Wettrüsten und die atomare Macht verbreiteten ihren Schrecken und die Angst vor der Möglichkeit einer mehrfachen globalen Vernichtung. Kann man – oder darf man sein Leben genießen, während die Welt stirbt?

Die Heldin des Buches heißt Judith und ist wahrscheinlich ein biografischer Spiegel der Autorin. Sie ist ein Teenager als die achtziger Jahre beginnen. In Afghanistan tobte ein Bürgerkrieg und Anfang 1980 erfolgte eine Großoffensive Russlands. 1981 geht MTV auf Sendung und die Jugendlichen identifizieren sich mit und durch die Musik, die durch den Walkman ein beständiger Begleiter wird. 1982 verliert Helmut Schmidt im Bundestag das konstruktive Misstrauensvotum und Helmut Kohl wird zum sechsten Bundeskanzler ernannt und spätestens jetzt beginnt es, in den jungen Köpfen politisch zu rumoren und die ersten Kohl-Witze machen ihre Runde. 1983 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ersten größeren Bericht über AIDS, dass bis dato als eine Art Lungenentzündung behandelt wurde. So erleben wir die damalige Zeit erneut aus dem Blick der Protagonistin, die ihren Platz in der Welt noch finden muss. Doch hat sie beständig Angst, keine Zeit mehr für das Leben zu haben, da jederzeit die Welt untergehen könnte. Sie wächst in einer Kleinstadt, d.h. in Biblis auf und der Atomreaktor und ihr Vater, der für eine Chemiefabrik arbeitet, sind mahnende Begleiterscheinungen ihrer Jugend. Judith und ihre Clique sind dabei, ihren Schulabschluss zu machen und durchleben das typische Teenagerleben mit der ersten Liebe und sind zwischen den Eltern und der globalen Entwicklung hin und her gerissen. Das Arten- und besonders das Waldsterben steht bevor, das atomare Wettrüsten steht den Versicherungen der Eltern gegenüber, dass sie in einer Epoche des Wohlstandes, des Wachstums und des Friedens aufwachsen. Der Wissenschaftsvermittler Hoimar von Ditfurth erklärt Judith mit seinen Büchern die Welt und trotz der scheinenden Ausweglosigkeit und dem nahenden Weltuntergang erleben die Freunde eine ganz normale Jugend. Sie wollen Freaks sein, bloß keine Spießer oder Popper. Sie möchten frei und unabhängig sein. Aber wenn jemand nicht mitmachte, waren sie auch wieder gekränkt. Besonders als Judiths beste Freundin ihr die Freundschaft aufkündigt und immer mehr zum Jungs-Schwarm innerhalb der Popper-Szene wird. Judith und ihre Clique lesen und demonstrieren. Bücher müssen für sie das Leben erklären und somit wird der „Papalagi“ ein treuer Begleiter, bis sie erfahren, dass es wie vieles anderes ein fiktiver gewollter Text ist. Dennoch möchten sie nicht gleich ihrer Elterngeneration ein Teil des Problems sein, sondern zu Lösungen beitragen. Die vorherige Generation fährt ja selbst mit dem Auto zu einem Grillfest „Der Grünen“. 1986 kommt es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zu einem Super-Gau und Judith hofft, die Menschen lernen aus dem Drama des Reaktorunfalls. Doch erneut erkennt sie, dass die Vernunft des Menschen nicht auszureichen scheint, sich selbst zu retten. Sie reist mit ihren Freunden nach Berlin und macht einen Kurztrip in die DDR, die kurz darauf Geschichte wird. Denn 1989 kommt es in Leipzig und anderen Städten zu öffentlichen Protesten und wenige Tage darauf beginnen die Montagsdemonstrationen und läuten den Anfang vom Ende der DDR ein.

So erleben wir ein Teenagerleben voller Ausflüge, Partys und Sorgen um die eigene Zukunft, mit der Frage, was man mit sich nach der Schule anfangen soll. Eine kleine Zeitreise durch die achtziger Jahre mit den wohligen Cordsofas und den Songs einer Generation, d.h. einer Ära des Protests und Demonstrationen.

Der Roman liest sich einfach und es macht irgendwie Spaß, die eigene Kindheit und Jugend anhand des Buches erneut zu erleben. An einigen Stellen hat der Text zu viele Phrasen, aber er schafft einen aktuellen Bogen in die Gegenwart. Wir und die heutige Jugend haben wohl immer noch die gleichen Themen und Probleme. Der Klimawandel, der Reaktorunfall in Fukushima und der aufkommende beängstigende Rechtspopulismus zeigen, dass wir Menschen wenig bereit sind zu lernen…

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Kirstin Breitenfellner: „Bevor die Welt unterging“

  1. Hey, das klingt interessant. Bin zwar nicht in den 80er Jahren erwachsen, aber doch zumindest groß geworden und hab durch deine Rezi gerade Lust auf das Buch bekommen. Kommt auf den Merkzettel!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s