Petri Tamminen: „Meeresroman“

MEERESROMAN MARE

Als Jugendlicher erleidet er mit einer Jolle seinen ersten Schiffbruch und nimmt sein erstes eisiges Bad. Ein Schicksal, das dem finnischen Kapitän aus Turku noch öfter im Leben vorherbestimmt sein wird. „Meeresroman“ ist eine unaufgeregt erzählte und kurze Geschichte über die Gelassenheit im Leben eines maritimen Pechvogels.

Vilhelm Huurnas Karriere beginnt als Schiffsjunge auf einem Schoner. Er erwartet vom Leben das große Abenteuer. Ihm kam eines Tages in den Sinn, dass hinter jedem Horizont womöglich etwas Neues und Gutes auf ihn lauert. Als Schiffsjunge unter griechischer Flagge handelt er rechtzeitig bei einer nahenden Katastrophe, gibt die Verantwortung dann aber an den Kapitän ab. Jahre später wird ihm bewusst, dass darin auch eine wünschenswerte Leichtigkeit war, wenn man die Verantwortung übertragen kann. Er besucht die Seefahrtsschule und durch die Unterstützung der Hofherren seiner Heimat wird ihm sein erstes Schiff als Kapitän zugeteilt. Doch westlich von Bornholm passiert es: er läuft auf Grund und sein erstes Schiff unter seinem Kommando erleidet Schiffbruch. Die Hofherren investieren erneut in ihn und finanzieren ihm stets weitere Schiffe, die er befehligen soll. Vilhelm bereist weiterhin die See, denn er hat wenig Zeit, sich zu grämen oder seine Schiffe zu missen. Immer wieder soll er in See stechen, um die von den Hofherren ausgelegten Summen für die neuen Segler wieder hereinzufahren. Sofern er Ladungen bekommt, ist es meist Holz oder Kohle. Es kommt aber auch vor, dass er nach dem Löschen keine neue Fuhre organisieren kann und lediglich mit Sand als Ballast die Heimreise antritt. Er sieht auch alle anderen mehr als Kapitäne an und sich selbst empfindet er eher als ein Missverständnis, denn das Unglück bleibt ihm nach wie vor hold. Er versenkt weiterhin seine Schiffe. Er erleidet u.a. vor Skagen Schiffbruch, eines seiner Schiffe wird beim Auslaufen von einem Dampfschiff gerammt und vor Borkum läuft er auf Grund. Insgesamt werden es fünf Schiffe, die er versenkt. Meist sind es Ungeschicke oder einfach nur Pech.

„Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“

Auch nagt in ihm eine Einsamkeit, die er bei diversen Anlässen versucht zu überspielen. Das weibliche Geschlecht findet meist keinen Gefallen an seiner Gegenwart. Doch als es zu einer Ehe kommt, schlägt erneut das Schicksal zu. Auch wahre Freundschaften mag er kaum finden. Die meiste Zeit bleibt er allein und die Schiffe, die er gefahren ist, gibt es nicht mehr und auch die meisten Menschen sind aus seinem Umfeld verschwunden. So beschließt er im Alter, als er seine Erinnerungen reflektiert, endlich sein Leben in Angriff zu nehmen, doch da merkt er, dass er es bereits gelebt hatte.

Eine Parabel, die uns gleich dem Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler einen Menschen vorstellt, der trotz seiner Seeunglücke sein Glück sucht und mit einer Leichtigkeit ein ganzes Leben erzählt, dass vieles im Leser erkennen lässt. Eine kleine feine Bereicherung, die auch gleich dem Tagebuchroman von Harry Martinson („Reisen ohne Ziel“) das Leben auf dem Meer mit seinen Handelsrouten des 19. Jahrhunderts beschreibt. Auch Kiel steuert Vilhelm Huurna mit einem seiner Segelfrachter an. Dort er wird versehentlich bei einem gedankenvollen Gang am Kai fotografiert.

Das Buch ist, wie es bereits „Literaturen“ schreibt, erhellend und rührend. Die Tragikomik aus dem Finnischen wurde erneut sehr gekonnt von Stefan Moster übersetzt.

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