Tove Jansson: „Die Zuhörerin“

Die Zuhörerin Tove Jansson Urachhaus Freies Geistesleben

Jede der achtzehn Geschichten ist für sich ein minimalistisches, literarisches Universum. Es sind literarische Frühwerke der Autorin, die im deutschsprachigen Raum erst jetzt veröffentlicht werden und somit hier erst jetzt entdeckt werden können. Die Erzählungen, Geschichten und Parabeln sind sehr ästhetisch und genau beobachtend. Die Geschichten sind eine erfreuliche Reduktion und bieten eine Einsicht in Lebensauszüge und Schicksale. Jeder kleinste Text ist durchdacht und verströmt seine eigene Stimmung. Alle Texte sind fast schon undramatisch, aber dennoch atemraubend.

Tove Jansson (1914 – 2001) war eine Künstlerin und Schriftstellerin. Sie wurde für Ihre Mumin-Bücher international bekannt und erhielt viele Preise. In den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens schrieb sie Romane und Erzählungen.

In „Die Zuhörerin“ sind 18 frühe Erzählungen von ihr, die im Original bereits 1971 in Helsinki veröffentlich wurden. Das Buch verlangt gleich dem Titel, die Gabe des Zuhörens, des sich Einlassens in die Grundstimmung der Erzählerin. Es ist eine Prosa, die einfach schön, leicht schlicht und sehr tiefgründig ist. Die Handlungen offenbaren sich meist durch kleinste Nuancen. Man taucht ein in eine stillere Welt, in der das Zuhören und Erzählen einen gesellschaftlichen Stellenwert hatte und die wichtigste Quelle und Austausch von Geschehnissen und Ereignissen war. Es tauchen Menschen auf, die ihrer Leidenschaft Ausdruck geben, als sie zum Beispiel in Venedig ein Kunstwerk betrachten und unbedingt erwerben möchten. Oder eine naive Korrespondenz mit einem geliebten Autor beginnen. Neben der Naturmetaphorik klingt eine zarte Philosophie heraus. Ein wahres aus sich Heraustreten und neben sich stehen wird aus der Sicht des anderen, erlebten Ichs ermöglicht. Die Natur, das Umfeld, tritt oft regelrecht als handlungstragende oder richtunggebende Macht auf. Auch ein Eichhörnchen kann kurzzeitig im einsamen Inselleben immer mehr eine zentrale Rolle einnehmen und eine mystische Begabung kann für den Besitzer ein Fluch oder ein Segen bedeuten. Es sind viele Begegnungen, Figuren und Lichtblicke, die das ganze Buch ausmachen. Jede Erzählung benötigt Raum im Leser, um sich ganz zu entfalten.

Tove Jansson kann wunderbar mit Sprache umgehen und schafft es mit wenigen Sätzen eine minimalistische Szene zu entwerfen, die in sich vieles zu verbergen weiß. Es liegt am Leser, diese kleinen, feinen Nuancen, Anspielungen und Emotionen zu finden und auf sich wirken zu lassen. Jede Geschichte kann somit eine Bereicherung sein.

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