Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“

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Bücher und Literatur über die Probleme junger Erwachsener und das Schlüpfen aus dem kindlichen Kokon gibt es viele. Doch schafft es Lindsey Lee Johnson mit ihrem Roman zu überraschen. Es beginnt wie ein klassischer Roman über das Heranwachsen oder Erwachsenwerden eines Außenseiters. „Der gefährlichste Ort der Welt“ wirkt wie ein vorstädtisches Idyll in der Bucht von San Francisco. Die Charaktere und die Ortschaft sind Sinnbilder der gegenwärtigen Gesellschaft und Lebensweise. Gerade in der Pubertät sind wir zerbrechliche Menschen und anfällig für Demütigungen und Meinungen anderer. Die Lust am Gefallen hat aber durch die sozialen Netzwerke eine noch stärkere Bedeutung erhalten. Die eigene, innere Ansicht und die äußeren Wahrnehmungen driften auseinander und können gefährliche Orte erschaffen…

Tristan Bloch wächst in Mill Valley auf. Er ist in der Schule ein Außenseiter und ändert auch rein äußerlich nichts an der Wirkung seines Erscheinungsbildes. Innerlich empfindet er sich den anderen Kindern gegenüber enthoben und reifer. Er hegt Gefühle für Cally, die seiner Meinung nach sehr tiefgründig ist und etwas Besseres als ihre jetzigen Freunde verdient hätte, nämlich Tristan selbst. Er macht etwas sehr mutiges und schreibt ihr einen echten Liebesbrief. Cally ist ihrer Umgebung sehr hörig und verdeckt ihre eigene Meinung und geht mit dem Schreiben zu ihrer besten Freundin. Diese zieht die Worte Tristans ins Lächerliche und sie gehen mit dem Brief zu dem Mädchenschwarm Ryan. Dieser reißt das Schreiben an sich und Tristans Worte landen im modernen Schaukasten. Die Abfuhr und Demütigung Tristans erfolgen nun öffentlich. Ein Posting auf Facebook von Ryan lässt eine Lawine wachsen, in der jeder eine Meinung hat und diese auch unverblümt veröffentlicht. Lediglich Cally schweigt. Sie bleibt passiv, hält aber ihre Freunde nicht davon ab weiterhin Gemeines zu schreiben.

Der junge Tristan schließt mit seinem Leben ab. Er sieht keinen Ausweg und fährt mit dem Rad zur Golden Gate Bridge und springt in die Tiefe. Dies ist der Auftakt des Buches, in dem nun alle Beteiligten ihre Geschichte erhalten. Die Vorgeschichte, der Weg zum Selbstmord und die Folgen für alle Beteiligten. Alle Schicksale reihen sich nun nacheinander auf und verzahnen sich mit den anderen bis sich der ganze Erzählbogen wieder schließt. Es werden alle Beweggründe und Emotionen beleuchtet: Hoffnung, Trauer, Schmerz und Unsicherheit. Jede Perspektive ergänzt die andere und gerade dadurch bekommt die Geschichte einen spannenden Drive und die Figuren werden immer plastischer und der gefährliche Ort nimmt immer mehr Gestalt an.

Die Figuren sind Jugendliche, die die Welt noch zu entdecken haben. Sie sind noch unerfahren und sehr verletzlich. Sie sind auf der Suche nach Anerkennung und Zuneigung. Die Pubertät als Übergang, als Tor in die Welt der Erwachsenen. Diese Phase hat immer etwas Befremdliches und Schmerzhaftes. Das war schon immer so. Doch hat sich die Wahrnehmung verändert und der Drang sich zu präsentieren und auszuprobieren hat sich verlagert. Die Maßlosigkeit nimmt zu und die Kraft der Worte wird falsch eingeschätzt. Die gesellschaftlichen Rahmen werden strapaziert und gehen über gewisse Maße hinaus. Die Schmerzen und das Trauma, einen anderen Menschen durch Demütigung in den Tod getrieben zu haben, werden einen ein Leben lang verfolgen, doch müssen die Charaktere lernen damit umzugehen.

Was anfänglich als saloppes Jugendbuch gesehen werden könnte, entpuppt sich immer mehr als ein gut komponiertes Werk, das den Leser fesselt und in seinen Bann zieht. Die Autorin versteht es, stilistisch und sprachlich eine tiefgründige Geschichte zu erzählen. Zumindest die Leser der Werke von John Green, Kirsten Fuchs und Catharina Junk werden es mit großer Begeisterung lesen.

Siehe auch die Besprechung auf Feiner reiner Buchstoff

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

4 Antworten zu “Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“

  1. Bri

    Danke Hauke für die Verlinkung und für das Vertrauen in meinen Tipp!! LG, Bri

  2. Kitsune

    Hallo Hauke. Deine Rezension hat mir gerade richtig Lust auf den Roman gemacht und obwohl ich diesen Monat keine Bücher mehr kaufen wollte (es erwarten mich ein paar Vorbestellungen) habe ich es nun bei meiner Lieblingsbuchhandlung bestellt. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nise

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