Emma Glass: „Peach“

Emma Glass Peach Nautilus

Wieder ein Debütroman, der einen sehr lange beschäftigt. Ein Text, der einen an die Grenzen bringt. Man hadert mit den Worten, der Handlung und doch verlangt das Buch vom Leser ein beständiges Weiterlesen. Ein surreales Märchen, das durch die Pein der Protagonistin beim Leser eine Verwandlung vollzieht. Aber auch die Figur wandelt sich, wird ganz Frucht und der Kern in ihr nimmt gehörig zu. Ein unglaublich wichtiger Roman, der eine Geschichte erzählt, die hoffentlich jeden Leser berührt, erschrickt und verstört.

Denn der Inhalt ist nichts für Happy-End-Leser. Die Sprache ist poetisch und gleichzeitig wuchtig und erzählt die Geschichte einer misshandelten jungen Frau. Auf dem Heimweg ist ihr etwas Schreckliches zugestoßen. Als Leser ahnt man, was geschehen ist. Ihr ist übel, sie hat Schürfwunden und das Gehen bereitet ihr Schmerzen. Ihre Eltern haben gerade mehr Augen für ihr neugeborenes Baby und können selbst die Finger nicht voneinander lassen. So kann sie im Elternhaus, als sie heimkommt, ihre Pein geheim halten. Sie verarztet sich und näht sich selbst im Intimbereich, damit sie in den kommenden Tagen wieder zur Schule gehen und sich mit ihrem Freund treffen kann. Doch der Schatten bleibt und verfolgt sie. Sie selbst verändert sich, sie nimmt immer mehr zu und baut eine Schutzschicht um sich auf, die sie aber auch immer mehr an die Tat erinnern lässt und sie seelisch malträtiert.

Das Buch stellt vieles auf den Kopf. Es ist große Literatur, die Grausiges erweckt. Das Buch begeistert, und nimmt einen gänzlich gefangen. Die surrealen Elemente nehmen mit der Lautmalerei zu. Menschen als Pfirsich, als Grün, als Pudding oder einfach nur ekelhaftes Würstchen. Die Sinne werden gänzlich integriert, denn mal schmeckt man regelrecht das Fett vom triefenden Fleisch, dann riecht man frisches Grün und nimmt den holzigen Geruch des Beschützers war. Es ist ein sehr körperliches Buch, das den Menschen aber verfremdet. Der Peiniger ist eine Wurst, die Fettflecken hinterlässt, die sich gleich der Erinnerung an die Misshandlung nicht entfernen lassen. Peach, die Hauptfigur ist ein Pfirsich und versucht in ihr Leben als Teenager zurückzufinden. Ihr Freund, der wie ein Grüner Baum ist, steht ihr zur Seite.

Kein Text, der mundgerechte Lösungen bietet und der eine Herausforderung für den Leser sein kann. Doch man überwindet die Passagen, erstarrt und will dann doch immer wieder zu der Heldin zurückkehren. Ein Märchen und ein Albtraum in einem. Ein ergreifender Roman, der literarische Grenzüberschreitungen macht. Das Innenleben eines Opfers, das versucht, alles unkenntlich zu machen. Der Versuch, die Gewalt zu überleben, zu überwinden und die Distanz durch Abstraktion zu gewinnen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Emma Glass: „Peach“

  1. Lieber Hauke, danke für deine Rezension! Ich bin ganz deiner Meinung. Dass du die körperliche und sinnliche Qualität des Buchs herausstellst, die bei den Leser*innen starke Reize herrufen, finde ich wichtig und beeindrucken. Sowohl als Qualität als auch als Triggerwarnung.

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