Christian Lorenz Müller: „Ziegelbrennen“

Christian Lorenz Müller Ziegelbrennen Otto Müller

Ein großangelegter Familienroman, der den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart spannt. Im Zentrum steht immer das Thema Flucht und es ist daher ein sehr politischer und aktueller Roman.

Der Roman beginnt mit der gebürtigen Kroatin Rosmarinka, die den Donauschwaben Raimund Quendler heiratet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Dorfgemeinschaft in Sveti Ivan von den Partisanen bedrängt und um Tier- und Nahrung bestohlen. Das Landleben ist bereits sehr entbehrungsreich und von Armut geprägt. Als die Männer bei der Feldarbeit sind, kommen Titos Partisanen, setzen sich zu Rosmarinka in die Stube und futtern sich durch die Speisekammer. In Folge verlangen sie weitere Essensrationen, Zigaretten und Schnaps. Die fertigen Speisen versteckt Rosmarinka nun in der Bank vor dem Haus, wird aber nur anfänglich in Ruhe gelassen und die Gefahr schwebt weiterhin über dem Hof. Dies ist der Einstieg in den flickenartigen Roman, der weit ausholt und dabei die Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven und Mitteln erzählt. Nur anfänglich wirkt es sprunghaft und immer mehr verdichtet sich der ganze erzählerische Kosmos.

Es folgen die Stimmen von Arthur Mantler, der mit Valentia, der Enkelin von Rosmarinka, verheiratet ist. Arthur ist Historiker und erforscht die Geschichte des Balkans, die Flucht und den Holocaust. Er führt diverse Gespräche für eine Soundcollage, die die Emotionen der Zeit einfangen soll. Er und Valentia sind beruflich sehr eingespannt und leben oft getrennt, daher verlaufen ihre Gespräche via Skype. Anton, der Sohn von Rosmarinka, benutzt wiederum das Faxgerät, um mit seinem „Schwiegerfreund“ zu kommunizieren. Anton sollte es mal besser haben und sollte eigentlich mal Priester werden. Stück für Stück und Bild für Bild setzt sich langsam der ganze Roman zusammen und immer offensichtlicher und klarer wird die ganze Geschichte.

Rosmarinka und Raimund werden immer mehr bedrängt und fliehen letztendlich nach Österreich. Auch hier ist ihr Neuanfang erschwert und verlangt einige Entbehrungen. Jede folgende Generation erzählt nun die Geschichte mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln. Rosmarinka erzählt, während Anton faxt und Arthur die neueren Medien benutzt. Durch diese Sprünge und großartige Erzählweise bekommt der Roman etwas sehr Lebendiges. Das Familiäre erlebt die politische und europäische Geschichte: die Zeit der Ustascha-Diktatur, der Zerfall Jugoslawiens und die aktuellen Fluchtbewegungen der Syrer, Iraker und Afghanen, die durch den Osten Kroatiens ziehen.

Sehr bildreich, plastisch und wortgewaltig ist der Roman geschrieben. Durch das ganz genaue Hinsehen und Beschreiben bekommt das ganze Umfeld der Handlung eine Tiefe, die sich allein durch die Bilder im Leser einbrennen.

Ein Roman, der sich nicht gleich zu Anfang erschließt, dann aber immer mehr sein Spektrum eröffnet und damit die Charaktere und deren persönliche Geschichten immer erfahrbarer werden lässt.

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