Karl-Heinz Ott: „Und jeden Morgen das Meer“

Karl-Heinz Ott Und jeden Morgen das Meer Hanser

Eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes einen Neuanfang in England versucht. Sie kommt aus der Gastronomiebranche und war Mitinhaberin eines Sterne-Restaurants am Bodensee und übernimmt nun eine einfache Gastwirtschaft in Wales. Beide Gewässer, das schwäbische Meer und die tatsächliche See, haben auf sie einen biographischen Einfluss. Als sie das gefragte Feinschmeckerhotel aufgeben muss, blickt sie von den Klippen von Abydyr wehmütig auf das Meer. Der Blick aufs Meer kann Sehnsucht, Aufgabe oder Schwermut beinhalten. Sie weiß noch nicht, was stärker ist, der Wille zu überleben oder der Wille aufzugeben. Das Meer bleibt gleichgültig. Mal stürzen die Brecher auf sie, die an der Küste steht, ein, mal liegt die See vor ihr ganz still. Das Meer kann an der Oberfläche toben, aber in der Tiefe ganz ruhig sein. Man weiß aber auch nie, was sich unter der vermeintlichen stillen See für gefährliche Strömungen verbergen.

Sonja hat mit ihrem Mann, Bruno, die Gastwirtschaft seiner Eltern übernommen. Beide haben in noblen Adressen gelernt und wollen nun aus dem dörflichen Haus ein Feinschmeckerrestaurant machen. Bruno hat lange als Saucier gearbeitet, hat dadurch sein Handwerk und seine Kunst perfektioniert und mit einer gehörigen Portion an Ehrgeiz bekommt er nun sogar einen Michelin-Stern. Es kommen Gäste von weit her, um bei Ihnen zu speisen. Doch mit der Sterneküche verwandelt sich auch die wirtschaftliche Situation. Man muss den Anforderungen der Gäste gerecht bleiben. Somit steigen die Kosten. Der gute Weinkeller und die edlen Zutaten verringern die Handelsspanne und lassen die Kosten explodieren. Die Kosten sind höher als die Gewinne und jegliche Renovierung können sie sich nicht leisten. Somit wird neben den noblen Gerichten auch immer mehr ländliche Küche angeboten, die mehr Umsatz generiert. Aber dadurch wird Bruno der Stern wieder aberkannt, der deswegen in eine schwere Depression fällt. Er lebte schon immer eher zurückgezogen und bleibt jetzt lieber trinkend im Weinkeller und gibt sich und die Küche immer mehr auf. Sonja hofft, neuen Ehrgeiz aus ihm herauskitzeln zu können. Auch die Einstellung auf einem Kreuzfahrtschiff, wo er den Starkoch mimt, kann nur während der Reise seine Flamme für das Kochen erneut entflammen. Als Bruno stirbt, schaltet sich Brunos Bruder, Arno, ein. Arno, ein unangenehmer und grapschender Mann mit einem stets falschen Lächeln, macht Sonja ein Angebot. Er würde alle Schulden übernehmen, verlangt aber, dass Sonja verschwindet.

Sie und Bruno hatten einen Namen, der nun, da alles weg ist, nichts mehr wert ist. Ihr Alter und ihre Geschichte machen es ihr schwer, irgendwo eine Anstellung zu bekommen.  Sie geht trotz aller Warnungen in das verregnete Wales, um dort eine Pension mit Barbetrieb zu übernehmen. Hier schaut sie aufs graue Meer und blickt zurück. Sie wünscht sich, bald nicht mehr vergleichen zu müssen und beim Anblick des Meeres nicht mehr das andere Gewässer zu vermissen.

Ein Roman, in dem Verzweiflung so schön ist. Ein wunderbares Buch über die Problematik der Sterneküche, die Risiken der Selbständigkeit und die Aufgabe der gelebten Leidenschaft. Melancholische und verzweifelte Figuren geben diesem Roman den Grundton, machen beim Lesen aber irgendwie sehr glücklich. Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann trotz der aufbrausenden Probleme auch mal humorvoll werden. Feine Szenen und große Charakterisierungen im kleinsten Detail machen diesen Roman zu einem sehr besonderen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Karl-Heinz Ott: „Und jeden Morgen das Meer“

  1. Ich liebe Ott als Erzähler. Schön, dass es dir auch gefallen hat. Alle Romane von ihm lohnen die Lektüre.
    Viele Grüße!

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