Delphine de Vigan: „Loyalitäten“

Delphine de vigan Loyalitäten DuMont

Ein Roman der sich intensiv mit der Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt. Inspiriert durch die Fragen, wann man loyal oder illoyal handelt. Alles dreht sich um Bindungen, die auch Schuld auslösen können. Das Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist basiert meist auf Anständigkeit, Liebe oder Verpflichtung. Doch die Kehrseite kann dann eventuell einer anderen Person Schaden zufügen, da die persönliche Bindung an jemand anderen gerichtet ist. Besonders gravierend kann es werden, wenn sich innerhalb einer Familie etwas ändert und die Kinder z.B. zu Scheidungskindern werden. Diese kleinen Risse, die auch Gewalt verursachen können,  beleuchtet dieses großartige Buch.

Hélène ist die Erste und lange auch die Einzige, die die Veränderungen ihres Schülers Théo wahrnimmt. Théo ist gerade zwölf Jahre alt und war schon immer ein stiller, aber guter Schüler. Das Lehrerkollegium nimmt die dezente Verhaltensauffälligkeit ohne weitere Intervention so hin, auch wenn Théo immer müder, kraftloser und zurückgezogener wird. Anfänglich meint Hélène, Théo sei das Opfer von häuslicher Gewalt. Sie spricht es gegenüber der Schulleitung und den Kollegen an, doch keiner will auf sie hören oder schenkt ihr Glauben. Hélène hat eine brutale Kindheit erlebt und möchte nun unbedingt helfen. Da sie studieren wollte, löste dies in ihrem ungebildeten Vater Komplexe aus, die ihn zu einem Schläger werden ließen. Seitdem Hélène die Veränderungen an Théo wahrnimmt, will Sie für ihn da sein.

Die Eltern von Théo haben sich getrennt und das Sorgerecht geteilt. In wöchentlichem Wechsel lebt Théo bei der Mutter oder dem Vater. Alle sind mit der Situation überfordert und unglücklich. Doch jeder für sich allein. Théo funktioniert lediglich und kümmert sich um seine Eltern mehr als diese sich um ihn. Wenn er vom Vater zurück zu der Mutter zieht, soll Théo alle Kleidung, die er mit hatte, in die Wäsche geben und sich duschen, damit er der den Geruch des Feindes ablegt. Die Mutter und der Vater haben keinen Kontakt und reden nicht miteinander, auch nicht wenn es um Théo oder um die Schule geht. Der Vater hat seine Arbeit verloren, ist depressiv und verwahrlost immer mehr. Théo verschweigt dies alles und frisst es in sich hinein. Er hat für sich einen Ausweg gefunden, eine Möglichkeit den Schmerz zu betäuben. Er trinkt heimlich. Nur sein Klassenkamerad und Freund Mathis weiß davon und trinkt ab und zu mit. Der Alkohol wärmt und schützt Théo vor seiner Welt. Er will die Dosis stets erhöhen, damit er sich selbst irgendwie auflöst. Mathis beobachtet dies mit Sorge, aber den besten Freund darf und kann man doch auch nicht verraten. Mathis Mutter, deren Vater Alkoholiker war, riecht eines Tages den Alkohol und vermutet, dass Théo schlechten Einfluss auf ihren Sohn hat. Doch plagen sie noch weitere Probleme, denn ihr Mann, der gutsituiert ist, scheint ein verborgenes, virtuelles und hasserfülltes Leben zu führen.

Théo hat eine Quelle, die ihn mit Alkohol versorgt und würde Mathis diese verraten, d.h. der Lehrerin nennen, würde er damit nicht nur seinem besten Freund in den Rücken fallen. Die stillen kleinen Bindungen, Abmachungen und Versprechen sind es, die Théo in große Gefahr bringen.

Wir alle möchten den Menschen gegenüber loyal sein, die wir lieben oder mit denen wir uns verbunden fühlen. Unsere loyalen Bindungen sind meist still und dennoch sehr komplex. Ein wunderbarer, tiefgründiger und ergreifender Roman. Durch die verschiedenen Perspektiven werden die Missstände und Dramen innerhalb des zwischenmenschlichen Miteinanders sehr deutlich ausgearbeitet. Ein Roman, der kompromisslos und erschütternd ist und dennoch am Ende Möglichkeiten und Hoffnung aufzeigt.

Das Lesen weckt viel Empathie, Grauen, Schmerz und Mitleid. Das Sentimentale und Melancholische erinnert an  Dirk Stermanns „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“. Delphine de Vigan zeigt ein trauriges Bild unserer Gesellschaft und versteht es, letztendlich Ausgänge, Möglichkeiten und Chancen aufzuzeigen. Ein großartiger Roman.

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