Dag Solstad: „T. Singer“

Dag Solstad T. SInger Dörlemann

Das Leben findet gegenwärtig stets öffentlich statt. Gehend essen, telefonieren, Internet-Recherche, lachen, weinen und streiten sind auf den Gehwegen Alltag geworden. Die Figur T. Singer dagegen vergeht immer wieder vor Scham und seine adoptierte Tochter wird später, gleich ihrem Erzieher, nicht auffallen wollen und beide scheinen sich jeweils zu verlieren.

Am Anfang steht die Scham. Das Schamgefühl, das den Protagonisten Singer überfallartig überkommen kann. Er erstarrt regelrecht, wenn er sich an Vergangenes erinnert und versteckt sich fast schon kindlich hinter seinen Händen und will das Geschehene rückgängig machen. Da dies niemals gelingt, bleibt es bei einem inneren, verzweifelten  Monolog: „Nein, nein“. Dabei ist es meist nicht die Handlung an sich, sondern das dabei beobachtet geworden zu sein, das ihn peinigt. Singer, dessen Vorname stets nur abgekürzt wird, zieht sich immer mehr zurück. Bleibt auch im Freundeskreis fast unerkannt. Das Anonyme bleibt sein Lebensmotto. Er ist ein Grübler, der bereits in frühen Jahren den Schriftsteller in sich erkennt. Doch kommt er über seinen ersten Satz niemals hinaus. Seine Sprache ergreift nicht seine Gedanken und somit gibt er auf, wird aber immer ein Buchmensch bleiben. Mit Mitte dreißig beschließt der vorher ewige Student, ein neues Leben anzufangen. Er hat eine Anstellung als Bibliothekar in der Stadt Notodden bekommen und macht sich auf die Reise dorthin. Auf der Zugfahrt durch die Provinz Telemark trifft er auf den Direktor Norsk Hydro, der ebenfalls nach Notodden reist, um den dortigen Firmensitz abzuwickeln. Diese Bekanntschaft wird nur von kurzer Dauer sein und sie werden sich nur noch zufällig begegnen, doch ist der Anreisetag und Abend sehr sonderbar und bleibt in Singers Erinnerung ein lebendiges Erlebnis.

Schnell arbeitet und lebt sich Singer in der Stadt ein. Auch hier lebt er ein zurückgezogenes Leben. Nach der Arbeit geht er oft ins Kino und bleibt eher für sich und unerkannt. Kann sich so en Mensch überhaupt verlieben? Ja, er kann und ehelicht die alleinerziehende Mutter Merete. Merete ist Töpferin und hat eine kleine Tochter. Doch bringt auch die Liebe keine tatsächliche Erfüllung, denn Singer wird immer er selbst bleiben und das Zusammenleben wird durch seine Grübeleien erschwert. Kurz bevor die Ehe zerbricht, passiert ein tragisches Unglück. Singers weiteres Leben gestaltet sich weiterhin sorgenvoll, gerade weil er sich um das kleine Kind kümmert, das sich seine Wesenszüge aneignet.

T. Singer bleibt rätselhaft und stets schamerfüllt. Mit ihm hat Dag Solstad einen Helden ins Leben gerufen, der uns einen Blick in unser öffentliches Leben werfen lässt. Wie weit versteht man sich selbst und wird durch andere Augen wahrgenommen? Wir, die Leser, nehmen T. Singer mit unseren eigenen Augen auf und werden zwischen ernsten existentiellen Fragen und ironischen Analysen hin- und hergeworfen. Die Balance zwischen Witz, Ernsthaftigkeit und literarischem Können ist in diesem Werk aufs Feinste ausgewogen.

Dag Solstad, der erneut von Ina Kronenberger übersetzt wurde, gehört zur ersten Garde der norwegischen Autoren. Haruki Murakami gehört zu seinen begeisterten Lesern und Peter Handke hat einem seiner Werke sogar ein Essay gewidmet. In Norwegen haben seine Romane Kultstatus.

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