Mathijs Deen: „Unter den Menschen“

Mathijs Deen Unter den Menschen mare„Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha.“ So lautet die Anzeige, die der wortkarge Protagonist aufgibt und somit in einen schleichenden Neuanfang gerissen wird.

Der Roman spielt an der niederländischen Nordsee auf einem Hof am Deich. Das Meer ist lediglich einen Steinwurf entfernt, aber um einen nächsten Menschen anzutreffen, muss man schon einige Kilometer fahren. Jan lebt hier auf dem Hof seiner Eltern. Er ist hier groß geworden und kennt nichts anderes. Als er den Hof übernimmt, wollen seine Eltern die Welt sehen. Bevor diese aber ihre Reise antreten, kocht die Mutter mehrere Tage lang und friert alles ein, damit ihr Sohn auch in ihrer Abwesenheit lange versorgt ist. Somit hat er für viele Monate – wenn nicht sogar für Jahre, Muttis Essen und genießt auch schon mal eine deftige Erbsensuppe zum Frühstück. Die Eltern, die gerade die Reise angetreten haben, verunglücken bei einem Verkehrsunfall tödlich und somit ist Jan allein.

Er kann sich manchmal gar nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal mit jemandem gesprochen hat. Auch die Arbeit ist gerade für Wochen erledigt. Es gibt auf dem Hof nichts zu tun. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen und ihm fehlt eine Frau. Er setzt eine Anzeige auf. Da er ein stiller Geist ist, der weniger Worte für seine regen Gedanken verwendet, fällt die Kontaktanzeige sehr kurz aus. Er bekommt vier Antwortschreiben von der Redaktion zugestellt. Drei davon entsorgt er sofort und die von Wil spricht ihn an.

Als es zu der ersten Begegnung kommt, zeigt sich Wil als nicht so liebreizend oder gefühlsecht wie erhofft. Sie scheint mehr Interesse am Haus, d.h. dem Hof zu haben und möchte wissen, ob man das Meer sehen kann. Wil scheint einen eigenen Plan zu haben. Wil ist auch nicht ganz zufällig hier. Sie hat die Anzeige entgegengenommen und sich über die Lage des Hofes informiert. Alle Antworten hat sie in der Redaktion beseitigt und vier Schreiben aufgesetzt, die alle unterschiedlich sind. Vier Namen und vier Telefonnummern, die aber alle zu ihr weitergeleitet werden. Als Jan sich meldet, muss sie nur schnell reagieren, denn sie weiß ja anfänglich nicht, welche der vier Frauen, d.h. Schreiben Jan angesprochen haben. Es ist Wil. Wil steht auch für den Willen. Sie, eigentlich Irene, sucht einen Neuanfang. Jan ist und bleibt aber ein Mensch, der auf Traditionen besteht und dem es schwerfällt, sich zu öffnen. Auch Wil, die ihre wahren Gefühle nur lebt, wenn sie alleine ist, trifft ab und zu Entscheidungen, die ihn vor den Kopf stoßen. Sie vernichtet zum Beispiel das von seiner Mutter vorgekochte Essen. Sie will vieles reglementieren und planen, aber auch, dass man selber für sich sorgt. Sie soll auch, laut ihrer Therapeutin, ihren Willen finden und durchsetzen. Aber was ist ihr wahrer Wille, ihr Wunsch? Wer ist diese Wil, die nur eine Rolle von Irene ist? Wie können diese beiden Menschen, die sich kaum kennen und sehr unterschiedlich sind, überhaupt glücklich zusammenkommen? Gerade weil sie sich besser verstehen, wenn sie schweigen. Finden Jan und Wil, d.h. Irene, ihren Frieden miteinander?

Ein Küstenroman, der mittels der Landschaft die Weite und die Stürme dieser ungewöhnlichen Beziehung auslotet. Das Kammerspiel auf dem Hof steht, im Gegenspiel zum weiten Horizont hinter dem Deich, für die Enge und Einsamkeit.

Mathijs Deen ist ein Stilist, der mit wenigen Worten eine Stimmung aufbaut und seinen schrillen Figuren Raum gibt. Eine Geschichte voller Sehnsucht, Missverständnis, Einsamkeit und Träume. „Unter den Menschen“ erschien erstmals 1997 und wurde 2016 in einer überarbeiteten Fassung, die hier in der deutschen Übersetzung von Andreas Ecke vorliegt, wiederentdeckt. Zeitgleich wurden bereits die Filmrechte verkauft.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Mathijs Deen: „Unter den Menschen“

  1. Hallo,

    na, auf so eine Anzeige würde ich als Frau ja nicht antworten! Außer, ich wäre scharf auf die 80 ha, und da kommt wohl Wil ins Spiel…?

    Spätestens, als sie Mamas Essen vernichtet, würde ich ja eigentlich damit rechnen, dass Jan den Schlussstrich zieht! Das ist ja irgendwie auch eine Erinnerung an seine tote Mutter, und was sagt das über seine ‚Freundin‘ aus?

    Das Buch klingt sehr interessant, und jetzt bin ich richtig neugierig, ob Jan und Wil ihren Frieden und ihr Glück miteinander finden. Ich habe eine Schwäche für sperrige, schwierige Charaktere.

    LG,
    Mikka

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