Johannes Groschupf: „Berlin Prepper“

Johannes Groschupf Berlin Prepper Suhrkamp

In diesem Spannungsroman, der eher eine harte und reale Gesellschaftsstudie ist, läuft man gleich am Anfang mit dem Protagonisten in die Dunkelheit, die schmutzigen Machenschaften der Gesellschaft. Ein Setting voller Scheuklappen-Denker und Schubladenwelten, in der unser Anti-Held immer mehr verzweifelt. In einem nüchternen, kühlen Ton erzählt der Roman über eine Handlung, die sehr nah an die Realität angelegt ist und sofern man die Nachrichten verfolgt, auch durch diese bestätigt wird.

Der fadenscheinige Held, eher ein Anti-Held, Walter Noack, ist stets vorbereitet. Er geht davon aus, dass sich unsere Welt bald wandeln und es zu einem gewaltigen Knall kommen wird. Seit er mit zwölf Jahren die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl miterlebt hat, macht er sich Gedanken, wie er jede Art der Krise überleben kann. Er trainiert hart und hortet Lebensmittel. Er beherrscht Überlebens- und Verteidigungsstrategien für alle Arten der möglichen Katastrophen. Er ist ein Prepper und bricht die Zivilisation zusammen, ist er als „Zeuge-Ravioli“ bereit.

Er arbeitet in der Online-Redaktion einer großen Berliner Tageszeitung. Er hat einen Achtstunden-Arbeitstag und soll im Newsroom die Kommentare der Leser bearbeiten, d.h. löschen. Die Kollegen teilen sich die Schichten und sind rund um die Uhr damit beschäftigt, den ganzen Online-Hass zu verbannen. In bestimmten Schichten sind es um die dreißigtausend Kommentare, die gelöscht werden müssen. Es sind menschenverachtende Reaktionen auf die eingestellten Tagesartikel der Redaktion. Walter hat selbst kein politisches Fundament und die ganzen schlimmen, aufhetzenden und verachtenden Texte der Leser und User perlen an ihm ab. Auch wenn es um Morddrohungen geht. Sein soziales Umfeld ist unter anderem durch sein Prepper-Dasein immer geringer geworden. Lediglich mit seinem Sohn und wenigen Kollegen tauscht er sich aus.

Als er gebeten wird, eine Doppelschicht zu machen, kommt es zu einem Ereignis, das ihn gänzlich aus der Bahn wirft. Als er spät abends, nach dem sehr langen Arbeitstag, aus dem Verlagsturm herauskommt, wird er von hinten brutal niedergeschlagen und getreten. Er, der auf alles vorbereitet ist, geht zu Boden und wird kalt überrascht. Dieser Kontrollverlust macht ihm sehr zu schaffen. Wurde ihm aufgrund seiner Tätigkeit aufgelauert? Wer ist oder wer sind die Täter? Warum hat man ihn niedergeschlagen und nichts von seinen Sachen entwendet?

Als dann auch noch im Kollegium und sehr engen Familienkreis weitere Katastrophen passieren, gerät Walter Noack immer mehr in eine Lebenskrise. Die Stränge zwischen Paranoia und tatsächlichem Geschehen verdichten sich und Walter Noack wird allem gegenüber misstrauisch.

Ein rasanter Roman, der kurzweilig, aber auch besonders hart die Gegenwart anleuchtet. Die Gesellschaft am Beispiel Berlins mit seinen schaurigen Schattenseiten, die hier aus Preppern, Reichs- und Wehrbürgern sowie Nazis bestehen. Besonders durch die Kommentare, die Walter Noack zu lesen bekommt, erfährt dieser Text eine Realitätsnähe, die schwer erträglich ist.

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