Jan Christophersen: „Ein anständiger Mensch“

Jan Christophersen Ein Anständiger Mensch mare

Ein neues Buch aus dem Haus unseres norddeutschen Schriftstellerehepaars. Jan Christophersen, der mit „Schneetage“ debütierte, begeistert seitdem stets großartig mit seinen Werken. Leider viel zu selten. Er ist mit Mareike Krügel verheiratet und beide sind im Leseschatz liebgewonnene Stammgäste.

Ein Roman rund um die Fragen des Anstands, der Ethik und Moral. Er handelt von einem Schriftsteller, der mit seinen Büchern dem guten Ich nachspürt und der Frage nachgeht, warum anständige Menschen auf Dauer erfolgreicher sind. Aber was bedeutet Anstand, wenn es um die eigene Liebe, Eifersucht und den Rachetrieb geht?

Steen Friis hat dänische und deutsche Wurzeln. Er ist ein erfolgreicher Autor, der sich in seinen Texten und Medienauftritten immer wieder mit Anstand und Aufrichtigkeit auseinandersetzt. Seine Meinung ist oft gefragt und er ist eine kleine Berühmtheit dadurch geworden. Dies ließ ihn zum Anstandsonkel werden. Dieser Titel kann zu Teilen nett, aber auch gehässig gemeint sein, denn nicht alle teilen seine Moralvorstellungen. Auch in ihm keimen zunehmend Zweifel, denn wiederholt er sich nicht schon seit Jahren immer wieder selbst? Er ist mit Frauke, einer Psychologin, verheiratet und lebt in Hamburg. Um seine Ideen zu fixieren und zu Papier zu bringen, geht Steen in die Einsamkeit. Er fährt auf eine kleine dänische Insel, wo er eine Hütte geerbt und diese durch den Erfolg, den er mit seinen Büchern erzielte, eingerichtet und restauriert hat. Steen befindet sich gerade auf seinem idyllischen Inseldomizil, als Frauke ihn über das Wochenende besucht. Doch ist ein Pärchen-Wochenende geplant, denn an diesem Wochenende reist auch ein befreundetes Paar an. Geplant ist eine schöne, gemeinsame Zeit, bestehend aus Spaziergängen, Pilze sammeln, essen, trinken und reden. Ute ist Verlagsvertreterin und hat so Steen kennengelernt. Utes neuer Lebenspartner, Gero, verdient als ITler bei einem Kosmetikunternehmen recht gut und somit segeln die beiden mit einer prachtvollen Yacht an. Gero will sich u.a. durch das Boot präsentieren. Steen hat die Angewohnheit stets als Intellektueller wahrgenommen werden zu wollen und schüchtert somit viele in seinem Umfeld ein. Auch Gero fühlt sich unwohl und möchte sich neben Steen behaupten können. Die beiden Frauen gehen entspannter in das Treffen, denn sie kennen sich und alle Beteiligten. Doch scheinen die Frauen an dem jeweils anderen Mann auch Interesse zu haben. Bei einem Spaziergang erinnert Frauke Steen an ein altes Versprechen, dass sie sich in der Kennenlernphase gegeben hatten. Sie wollten sich und dem Partner auch in der Liebe immer die größte Freiheit lassen. Steen kann das in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht annehmen und steigert sich in seine Eifersucht hinein. Seine eigenen Ansprüche an den gesellschaftlichen Anstand gehen immer mehr in die Brüche. Dies passiert gerade, als auch ein ehemaliger Studienfreund, der ebenfalls einen Bestseller geschrieben hat, Steen in einem Artikel verunglimpft. Das harmonische Gefüge gerät immer mehr ins Wanken und die Stimmung wird immer vergifteter und endet letztendlich auch in einem Unglück.

Alle haben ihre große und kleinen Geheimnisse, Befindlichkeiten oder verdrängten Emotionen. In kleinsten Details werden schon die Unstimmigkeiten deutlich. Sei es das Steen unter Pseudonym auch mal einen Krimi geschrieben hatte, dies aber nur Ute, seine Freundin aus der Verlagswelt, weiß. Das Zubereiten des Essens oder das Beseitigen der Zecken zeigt auch die Risse in der moralisierten Welt des Protagonisten.

Jan Christophersen versteht es, durch die Beschreibungen und seine Sprache tiefgründig und psychologisch zu fesseln. Sein vorheriges Werk „Echo“ ist eine leise, nachklingende Geschichte. „Ein anständiger Mann“ kommt auch leise daher, wird dann aber innerhalb der Idylle der Naturbeschreibung jenes Inseldaseins immer lauter und zeigt den Kampf mit den eigenen, großen Lebenseinstellungen.

Ein toller, bewegender und nachdenklicher Roman, der neben den philosophischen Fragen auch einen enormen Spannungsbogen aufbaut. Die Handlung und die gesetzte Inselidylle gleichen einem guten psychologischen Kammerspiel. Ein Spiel um den Anstand. Aber was bedeutet dieser, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten, die Ehe und die Liebe geht? Der Mensch im ewigen Kampf mit seinem Ego.

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