Selim Özdogan: „Der die Träume hört“

Selim Özdogan Der die Träume hört Edition Nautilus

Ist Hip-Hop ein Sound, der Träume erweckt? Beim Träumen denkt man wohl erst an andere Musikrichtungen. Doch gerade in diesem Buch, werden der Beat und der stampfende Bass eine Begleiterscheinung und der Traum entpuppt sich als bodenständiger Realitätskrimi. Der Held in dem Roman sortiert seine CD-Sammlungen nach Erscheinungsdatum und verbindet somit fast alle Ereignisse mit einem Song oder einer Platte. Hip-Hop, d.h. Rap als Stimme der Ungerechtigkeit, der Sehnsucht nach Veränderung, aber auch des maskulinen Gangsta-Rap ist der passende Soundtrack für diesen Gesellschaftskrimi.

Der Roman beinhaltet gleich mehrere Themen, bietet Raum für eigene Überlegungen und ist dabei tolle Unterhaltung. Der wütende Rap, die Drogenszene und der gefundene Sohn sind das Hauptgerüst der Handlung. Die Drogenszene, deren Vertreter bisher ihre Geschäfte auf der Straße abwickelten, bekommt, wie der legale Handel, große Konkurrenz durch das Internet (siehe auch den Roman „Die Lieferantin“ von Zoë Beck). Der Vorteil des Drogenhandels im Internet ist die Gleichberechtigung der Käufer, d.h. der süchtigen oder lediglich „Opfer“ genannten Konsumenten. Es können keine spontanen Preisunterschiede auftauchen. Ist die Ware schlecht, bekommt der Händler negative Bewertungen und verliert seine Kunden. Einer sticht hier hervor, der sich auf einer Plattform tummelt und gratis Proben versendet, mehr einpackt als der Kunde bestellt hat und auch bei Verlust sofort einspringt. Doch gerade dieser Dealer ist es, den Nizar Benali sucht.

Nizar Benali hat eine bewegte Vergangenheit. Aber nun meint er, es einigermaßen geschafft zu haben. Er hat das Viertel, in dem er groß geworden ist, endlich verlassen können. Sein Bruder, an den er noch oft denkt, hat einen anderen Weg eingeschlagen. Lediglich um seine Mutter zu besuchen, kehrt er in den Stadtteil, in dem Drogenhandel und Schutzgelderpressung florieren, zurück. Da er keine Ausbildung hat, war es schwer, im legalen Leben Fuß zu fassen. Doch das war sein Ziel. Jetzt arbeitet er als Detektiv und hat sich spezialisiert auf Internetverbrechen, Cybermobbing, Erpressung oder Handel im Darknet. Dabei wird deutlich, dass man über das Darknet einige falsche Vorstellungen hatte.

Er bekommt einen neuen Auftrag und soll einen Dealer ausfindig machen. Der Sohn des Auftraggebers ist an Mephedron gestorben. Die Polizei hat keine Chance, den Darknet-Dealer ausfindig zu machen. Der Vater beauftragt nun Nizar, diesen zu finden. Da Nizar sich auf den virtuellen Marktplätzen auskennt, wird er schnell fündig und weiß, der Händler nennt sich Toni_meow. Nun heißt es, diesen in der realen Welt aufzuspüren.

Vor siebzehn Jahren erlebte Nizar eine Liebesnacht, die ihn heute noch berührt. Diese alte Liebschaft offenbart Nizar nun, daß ihr Sohn, Lesane, ihr gemeinsames Kind ist. Vater und Sohn müssen sich mit der neuen Situation abfinden und lernen sich langsam kennen. Die erste Gemeinsamkeit ist der Hip-Hop. Lesane zieht auch spontan bei Nizar ein, da er seinem Ziehvater eine Kopfnuss verpasst hatte und sich nicht nachhause traut. Lesane bewegt sich in zwielichtigen Kreisen und hat sich mit den falschen Menschen angelegt, d.h. bei dem falschen Drogenhändler Schulden gemacht. Der Drogenhandel auf der Straße und der im Darknet fordern Nizars ganzen Einsatz und Aufmerksamkeit. Er will jenen Toni_meow finden und muss nebenbei den endgültigen Absturz von Lesane verhindern.

Dieser Roman ist belebt durch die Männer, die sich im Schattendasein bewegen. Selim Özdugan hat ein Gespür für seine Figuren und charakterisiert diese glaubhaft. Die Handlung ist spannend, berührend und versteht es, den pulsierenden Rap im Text lebendig werden zu lassen. Ein gesellschaftskritischer Blick auf die Straßen der beliebigen Großstädte, den Drogenmissbrauch und den Wunsch nach Ausbruch aus den eigenen Teufelskreisen.

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