Maria Kjos Fonn: „Kinderwhore“

Kinderwhore Culturbooks

Das Buch ist erschreckend großartig. Ein Roman, der alle Emotionen der Protagonistin erlebbar macht. Dieser Text brennt sich ein und hinterlässt einen tiefen Eindruck und ist somit mehr als eine Leseempfehlung. Es geht um das Schreckliche, das ein Mädchen erlebt, das missbraucht wird, damit ganz allein zu leben versucht und erwachsen wird.

Kinderwhore ist ein Kleidungsstil von Courtney Love. Die Mutter der Protagonistin liebt diesen provokanten Stil der Grunge-Musikerin, den ihre Tochter von ihr übernimmt. Charlotte wächst bei ihrer Mutter auf. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht, denn Männer hat ihre Mutter zur Genüge und im ständigen Wechsel. Da Charlotte noch ein Kind ist, weiß sie nicht, warum sie immer wieder neue Väter hat und was ihre Mutter tatsächlich treibt. Die Mutter, sofern sie mal da ist, schläft meistens oder steht unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss. Somit ist Charlotte die kindliche Welt, in der sie leben sollte, bereits genommen worden. Sie nimmt ihr Umfeld besonders auf und auch ihre Freunde und deren Eltern bekommen mit, wie anders Charlotte jetzt schon ist. Doch die Entfremdung wird noch viel größer und gewaltvoller. Als Charlotte mit zwölf Jahren in die Pubertät kommt, hat ihre Mutter mal wieder einen neuen Vater mitgebracht. Dieser kommt in den Nächten zu Charlotte und missbraucht sie. Diese Besuche macht er bis sie dreizehn Jahre alt ist und er sich von ihrer Mutter trennt. Sie hat diese Nächte immer als Schmerz empfunden, konnte dem aber niemals etwas entgegensetzen oder ihm Einhalt gebieten. Sie hat sich selbst verloren und nimmt sich nur als Schmerz war. Ihre Seele und Persönlichkeit wurden ihr geraubt und sie empfindet sich selbst als Nichts. Ihr Körper und ihr Wesen gehören ihr nicht mehr. Mit diesen schrecklichen Empfindungen, Erniedrigungen und der körperlichen sowie seelischen Gewalt ist Charlotte allein. Ihre Mutter ist nicht für sie da. Ihrer besten Freundin kann sie sich nicht öffnen. Diese weiß nur, dass Charlotte Sex mit einem älteren Mann hatte. Da Charlotte immer extremer mit sich und ihrem Umfeld umgeht, bricht auch ihr letzter sozialer Kontakt weg. Sie zerbricht an der Last und fühlt sich selbst pulverisiert. Je älter sie wird, desto großer wird die Barriere die sie um ihr eigenes Selbst errichtet. Sie flüchtet sich in diverse Räusche. Sie probiert diverse Drogen, Medikamente und Alkohol. Schlaftabletten nimmt sie nicht zum Einschlafen, sondern tagsüber, um die Realität zu vernebeln. Bis zu ihrer Volljährigkeit hat sie bereits mehrere Therapien und Heime aufgesucht. Später, als sie sich schwerlich aus ihrem eigenen Seelen-Gefängnis heraustraut und sich wieder Ziele setzt und die Schule nachholt, kann sie auch anfangen, sich zu wehren. Doch kann sie sich gänzlich von ihren zerstörerischen Mustern befreien? Kann sie sich als Ganzes annehmen, d.h. ihren Körper und Geist als Teil ihrer eigenen Persönlichkeit erkennen? Wird sie jemals in der Lage sein, wahre Liebe anzunehmen?

Maria Kjos Fonn, geboren 1990, lebt als Journalistin in Oslo und gilt als eine wichtige und herausragende Stimme Norwegens. Ihre Ausdrucksweise ist treffsicher, poetisch und wird durch nüchternen, schwarzen Humor ergänzt. Das Buch ist auf der Shortlist für den Brage Prize, den P2 Listener´s Prize und für den Natt & Dag Prize.

Ein wichtiger, außergewöhnlicher, bewegender und erschütternder Roman. Die Sprache (Übersetzung von Gabriele Haefs) ist voller Emotion, Mitgefühl und trifft poetisch ins Mark des Lesers. Bitte lesen!

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