Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“

Hellen Wolff Hintergrund für Liebe Weidle

Das Buch ist ein literarisches und verlegerisches Ereignis. Es ist ein schöner Sommerroman, der biographische Züge trägt. Es ist aus der Sicht einer jungen, fast mittellosen Frau geschrieben, die mit einem reicheren Mann nach Frankreich reist. Es ist eine Flucht aus dem braunen, einengenden und düsteren Deutschland in das lichte, offene Frankreich. Er will ihr das pralle, überschwängliche Leben präsentieren, während sie das leichte, unbeschwerte Leben und ihre Freiheit sucht. Seine leichten Exzesse zerstören das Verbindende und stellen den Hintergrund ihrer Liebe in Frage. Sie tritt aus seinem Schatten und verlässt das Passive, um die wahre Fülle des Lebens, der Kultur und der Umgebung zu empfangen. Durch ihre Trennung und das Finden ihres Selbstbewusstseins kann sie ihn, durch ein zufälliges Wiedersehen, leicht verwandeln und den beidseitigen Hintergrund ihrer Liebe zurückerobern.

Der zwanzig Jahre ältere Mann in dieser Erzählung ist der legendäre Verleger Kurt Wolff, die Frau Helen Mosel, später Helen Wolff. Sie war eine der bedeutendsten Verlegerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie schrieb ebenfalls Dramen, Skizzen und diesen Roman, der erst jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Eventuell lag es auch daran, dass der Roman „Hintergrund der Liebe“ nie verlegt wurde, weil Helen Wolff bei autobiografischen Romanen stets selbst sehr kritisch war und diese oft auch als mindere Literatur ansah. „Hintergrund der Liebe“ ist aber großartige Literatur und bringt einem die große Verlegerin näher.

Die Erzählerin reist mit ihrem älteren Geliebten nach Frankreich. Er lebt auf großem Fuß und zelebriert die Eleganz und das leicht Pompöse. Sie hingegen sucht das Einfache, das Licht durchflutete mediterrane Leben. Er will sie für seine Welt begeistern und sieht nicht, dass er sie hiermit verlieren könnte. Die politischen Grenzen haben sie verlassen, aber nicht die eigenen, die sie zunehmend einengen und sie reißt aus. Sie löst sich von ihm, leicht trotzig und eifersüchtig, und sucht für sich eine passende Sommer-Idylle. Diese findet sie in einer kleinen, spartanischen Hütte in Saint-Tropez. Dort verlebt sie mit einer jungen Katze und den neugefundenen Freunden eine angenehme Zeit. In dieser Periode lernt sie, für sich selbst zu handeln und zu sorgen. Auf einem Tanzfest trifft sie erneut auf ihren verlassenen Geliebten, der sie selbstbewusst und verändert wahrnimmt. Wird der Hintergrund für ihre Liebe erneut möglich werden? Die Geschichte gibt bereits die Antwort.

Ein wunderbar geschriebener Roman. Man erlebt alles mit den Sinnen. Man schmeckt, riecht und erfasst durch die Worte die Natur, Speisen und Getränke. Ein Roman, der uns die Sonne Frankreichs ins Herz scheinen lässt und gleichzeitig einen kurzen Einblick in das Leben der großartigen Verlegerin gewährt.

Der zweite Teil des Buches ist ein Essay von Marion Detjen, der Großnichte von Helen Wolff. Dieser liefert den Hintergrund zu „Hintergrund für Liebe“  und ist eine Kurzbiographie von Helen Wolff, dieser wahrscheinlich wichtigsten Verlegerin des 20. Jahrhunderts, Günter Grass nannte sie „meine eigentliche Verlegerin“, und Uwe Johnson widmete ihr seine „Jahrestage“.

Ein Buch, das eigentlich jeder Buchliebhaber haben und lesen sollte. Eine Bereicherung der Welt der Bücher und Literatur, die dank dem Weidle Verlag endlich das Licht der Welt erblicken durfte. Ein wunderschöner Sommerroman, der stets den Bogen zur Wirklichkeit findet und somit politisch, geschichtlich, emanzipiert und persönlich ist.  Die Einbandillustration stammt von Kat Menschik.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“

  1. Lieber Hauke,
    dieses Buch spricht mich sehr an!
    Verbindlichen Dank für diesen lesewertvollen Hinweis. 🙂

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