Jean Stafford: „Die Berglöwin“

Jean Stafford Die Berglöwin Dörlemann

Das Ende der Kindheit steht im Mittelpunkt dieser großartigen Wiederentdeckung und Neuübersetzung. Wie aus vermeintlich untrennbaren Kindern ein Geschwisterpaar wird, das sich immer mehr voneinander zu trennen beginnt und auf Distanz geht.

Die amerikanische Schriftstellerin Jean Stafford erhielt den O.-Henry-Preis und den Pulitzer-Preis. Ihr bekanntestes Werk „Die Berglöwin“ (Original: The Mountain Lion) erschien 1947 und wurde jetzt neu von Adelheid und Jürgen Dormagen übersetzt. Ergänzt wird der Roman am Ende mit einem lesenswerten Nachwort von Jürgen Dormagen.

Erzählt wird die Geschichte von Molly und Ralph. Beide sind anfänglich acht- beziehungsweise zehnjährige Kinder, die eine Entwicklung durchlaufen, die faszinierend und psychologisch ausgearbeitet wurde. Dabei sind es Charaktere, mit denen man als Leser nicht wirklich sympathisiert. Das Werk als solches ist eine literarische und sprachliche Bereicherung für den Lesenden. Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre. Molly und Ralph leben mit ihrer Mutter und den älteren Schwestern in einem vornehmen Vorort von Los Angeles. Sie wirken wie ein unzertrennliches Geschwisterpaar und sind bereit mit vielen Konventionen zu brechen. Ihre Mutter ist leicht konservativ, überkorrekt und vernachlässigt dabei etwas die Kinder. Diese verstehen es, aus den Situationen ihre Vorteile herauszuziehen und versuchen der gesellschaftlichen Langeweile, den Routinen und besonders dem Schulalltag zu entkommen. Ein Höhepunkt im Jahr ist der Besuch des Großvaters. Diesen scheinen aber eigentlich nur Molly und Ralph zu mögen. Der Grandpa ist Großgrundbesitzer und welterfahren. Er besitzt eine gewisse Bauernschläue und widersetzt sich auch gerne der Prohibition. Als dieser aber unerwartet bei dem jetzigen Besuch einem Herzanfall erleidet und stirbt, soll seine Beisetzung dort vor Ort durchgeführt werden. Bei der Trauerfeier zeigen sich die wahren Gesichter der Erwachsenen, die die Kinder beim Leichenschmaus selten, wenn überhaupt wahrnehmen. Durch Scharlach und eine weitere Drüsenstörung wirken die Kinder leicht kränklich, leiden auch oft unter Nasenbluten. Daher werden Ralph und Molly nach Colorado zu ihrem Onkel auf dessen Ranch geschickt. In dieser fremden, wilden Welt verabschieden sich die Kinder langsam von ihrer Kindheit und der Bruch zwischen ihnen setzt ein. Molly widmet sich immer mehr der Literatur und will selbst Schriftstellerin werden. Ralph sehnt sich nach der Jagd auf das titelgebende Tier und fürchtet um die geistige Verfassung seiner Schwester. Aus der geschwisterlichen Nähe wird langsam eine Art Hass. Dieser räumliche und psychologische Wechsel steht im Einklang mit dem Beginn der Pubertät und dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen.

Ein psychologisch und literarisch großartiger Text. Der Roman lädt ein in eine Welt, in der die Figuren authentisch und genauestens beobachtet ins Leben gerufen werden. Die Charakterisierungen und deren Aussagen sowie Dialoge sind der damaligen Zeit entsprechend und wirken dabei zu Teilen unmenschlich. Doch das überraschende Ende und besonders auch der letzte Satz sind jenen Menschen gewidmet, die die Kinder nie als gleichwertig betrachtet hatten. Der Text selbst wertet nicht, sondern lebt vom genauen Beobachten und den wunderbaren Beschreibungen. Die Handlung und die Sprache entwickeln eine Anziehungskraft, der man als Leser schwerlich entkommen kann.

Ein großer amerikanischer Roman, den man für sich entdecken kann und sollte.

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