Máirtín Ó Cadhain: „Die Asche des Tages“

Máirtín Ó Cadhain Die Asche des Tages Kröner

Irische Literatur hatte und hat immer noch oft Kultstatus. Dies liegt wohl an der fröhlichen Melancholie und dem schwarzen sowie hintergründigen Humor. Máirtín Ó Cadhain ist einer dieser Autoren, die diesen Kultstatus behaupten und neben James Joyce, Roddy Doyle und besonders Flann O’Brien in jedes Bücherregal gehören. Máirtín Ó Cadhain ist wohl leider einer der unbekannteren Autoren, dabei gilt er als einer der wichtigsten Autoren und Erneuerer der irischsprachigen Literatur.

Der Held in „Die Asche des Tages“ wird lediglich N. genannt. Er macht gerade etwas durch, das wohl viele kennen dürften. Etwas, das eigentlich unbedingt erledigt gehört, verschiebt man so lange, bis es zu spät, von anderen erledigt oder gänzlich unmöglich ist, noch verarbeitet, bzw. in Angriff genommen zu werden. Bei N. wird es immer schwieriger, denn es handelt sich um die Beisetzung seiner Ehefrau. Eigentlich sollte er sich um die Beerdigung, die Trauerfeier und alles andere, das so bei einem verstorbenen Ehepartner anfällt, kümmern. Da er bereits viele Fehlstunden bei der Arbeit hat, ist er aber erstmal in das Büro gegangen. Hier rufen ihn die Verwandten an, die ihn ausmeckern, weil er nicht an der Seite der Verstorbenen ist und hilft. Er verlässt das Büro, geht aber nicht nachhause, sondern trifft Bekannte und in einem Pub wird ihm eine Telefonnummer einer Krankenschwester gegeben, die eventuell bei der Aufbahrung behilflich sein könnte. Doch bekommt N. Bedenken, diese zu kontaktieren. Weil er sich als Witwer sorgt, wie er zukünftig alles alleine wirtschaftlich gestemmt bekommt, versucht er Rabatte bei dem Beerdigungsinstitut zu erhalten. Aber auch hier sind die Menschen, bei denen er anfragt, keine rechte Hilfe. So macht sich N. schon seine Gedanken, verdrängt aber die eigentliche Situation und taumelt verloren durch Dublin. Hierbei wird immer deutlicher, dass er ein pathologisches Problem zu haben scheint. Seine Odyssee durch die Stadt ist somit eine tiefe, traurige und humorvolle Charakterstudie. Hätte er nicht eigentlich genug Sorgen, wird auch anfänglich sein Portemonnaie gestohlen. Doch er streunert weiter durch die Stadt, während die Menschen weiterhin ihren Tätigkeiten nachkommen. Für ihn wird es  durch seine stundenlange Irrfahrt immer unmöglicher, nachhause zurückzukehren. Ein Zuhause, in dem aller Wahrscheinlichkeit die Verwandten der Verstorbenen auf ihn warten. Diese aus seiner Sicht grantigen Schwestern haben ihn bereits angekeift und in seiner Hoffnung werden sie die Trauerfeier aber wohl auch besser ohne ihn organisiert bekommen. Dieser Gedanke und auch der Mut, sich zu entschuldigen, beflügeln ihn. Aber dann kommen irgendwann doch die Schwere, das schlechte Gewissen und die Erinnerung an das, was alles noch vor ihm liegt, zurück und er irrt weiter…

Man leidet mit N., auch wenn man ihn gerne an den Schultern schütteln möchte. Man glaubt ihm seine Gedanken und denkt, er wird alles irgendwann eventuell doch meistern. Der, der es meistert, ist der Autor. Ein typisch schräger, irischer Roman. Máirtín Ó Cadhain reiht sich mit dieser feinen Wiederentdeckung und Übersetzung von Gabriele Haefs in die Kultwerke (z.B. Flann O’Brien in der Übersetzung von Harry Rowohlt) der irischen Literatur ein. Also, gerne alles aufschieben und Máirtín Ó Cadhain lesen!

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