Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“

Rolf Lappert Das Leben ist ein unregelmäßiges Verb Hanser

Ein Roman, der gänzlich begeistert und so unterhaltsam, klug und umfangreich ist, dass er einem Vergleich mit John Irving, dem großen amerikanischen Erzähler, standhält. Es ist besonders die genauste Ausarbeitung der Charaktere, die hier zu fesseln versteht. Die Figuren sind sofort präsent, nahbar, werden immer plastischer und bekommen eine enorme Tiefe. Es geht um Kinder, die in einer Kommune aufgewachsen sind und sich plötzlich der wahren Welt stellen müssen. Doch ist diese Befreiung für die Jugendlichen ein Schritt in die Freiheit?

Es ist keine Lebensgemeinschaft, die den Kindern etwas Schlimmes abverlangt. Sie werden nicht politisiert, missbraucht oder radikalisiert. Sie wachsen lediglich ohne Schulbildung auf und helfen bereits als Kinder in der Landwirtschaft. Sie leben abgeschottet von der restlichen Welt. Die Realität und Bildung erhalten sie von den „Alten“, den Erwachsenen, vorgelebt und aus Werken der Weltliteratur vorgelesen. Diese Hippie-artige Gruppe, die mit ihren eigenen Regeln lebt, sich der Realität verweigert und den Kindern vorgaukelt, diese Welt aus den Büchern gäbe es gar nicht, wird plötzlich aufgehoben. Behörden lösen die Kommune auf, die Erwachsenen müssen sich verantworten und die Jugendlichen werden getrennt untergebracht. Diese Jugendlichen sind: Frida, Ringo, Leander und Linus.

Sie empfinden sich als eine Einheit, zusammen sind sie etwas und nun, da sie getrennt sind, bilden sie leere Worte, die nicht mehr in der Lage sind Sätze, geschweige denn eine Geschichte zu bilden. Als die Landkommune, genannt „Winnipeg“, 1980 in Norddeutschland entdeckt und aufgelöst wurde, bricht für die geretteten Kinder eine Welt zusammen. Wie Geblendete stehen sie plötzlich im Licht einer neuen, ihnen fremden Welt. Die neue Umgebung überfordert sie. Sie fühlen sich vertrieben und fremd in dem jeweiligen Umfeld. Die Behörden, die Medien und die Menschen, die sich ihrer annehmen, sehen es als ihre Rettung an. Doch können die Jugendlichen diese Rettung nicht begreifen. Hier beginnt die Handlung des Romans, der ein literarisches Panorama offenbart und faszinierend die einzelnen Biographien aus den unterschiedlichen Perspektiven aufbaut. Mal als herkömmlicher Erzähler, mal als ein Bericht gegenüber einer Journalistin. Am Anfang weiß man noch nicht, was mit allen passiert ist. Besonders der Verbleib von Linus ist fraglich. Die Biographien und die Werdegänge von Leander, Ringo und Frida werden im Roman ausführlich ausgearbeitet. Leander leidet anfänglich am meisten, wirkt gänzlich überfordert und entwickelt fast autistische Züge. Ringo wird es sein, der ihn besucht und durch ein makabres Krötenspiel aus der Starre erlöst. Frida kommt zu Großeltern, die sie für sie nicht erwärmen können und auch mit der Situation hadern. Frida geht seitdem immer wieder neu auf die Suche nach sich selbst und irrt im Werdegang durch die Welt und das Leben. Ringo wirkt gefestigt und gerät erneut in den Fokus der Medien als Held, als er ältere Bewohner aus einem brennenden Seniorenheim rettet. Somit bleibt er, zwar auch innerlich kaputt, ein Medienereignis.

Alle sind auf der Suche nach Glück und Festigung ihres Daseins innerhalb der Gesellschaft, die für sie immer die Neue bleiben wird. Das Leben wird für sie alle schwer bleiben und die damals abgeschirmte Jugend, die sie selbst als nicht falsch angesehen hatten, wirkt weiterhin beständig als Erwachsene nach.

Das ganze Buch moralisiert nicht. Ein Roman, der durch die Fülle und die Vielfalt lebt. Die Geschichte ist brillant aufgebaut und erzählt. Mit den Perspektiven wechseln auch die Stimmungen und die Sprachfarbe. Ein wunderbares, tiefgründiges Werk, das unfassbar gut geschrieben ist und mit glaubhaften Haupt-, sowie Nebenfiguren und Details belebt ist. Ein Anwärter für den Leseschatz des Jahres.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“

  1. das klingt nach einem hochinteressanten buch, erinnert mich ein wenig daran, dass es (noch heute) einige gänzlich abgeschottete naturvölker (?), sagen wir menschengruppen, gibt, die sich nicht zivilisieren lassen wollen, die jeglichen kontakt zu „unserer welt“ verweigern. es gab offenbar einzelne versuche, sie (oder einzelne menschen) zu „sozialisieren“, die aber schlicht schon daran scheiterten, dass sie nicht immun sind gegen die vielzahl an viren/ bakterien der zivilisation, und deshalb krank wurden. (vermutlich litten sie auch seelisch…) ich glaube, es ist dermaßen prägend, wie wir aufwachsen, und nicht jeder fremde weg muss automatisch schlecht sein! werde mir dieses buch mal merken, danke für die feine rezi, hat mich angesprochen und neugierig gemacht!

  2. Hallo,

    das muss direkt mal auf die Wunschliste! Ich finde bei solchen Büchern immer sehr wichtig, dass die Autor:innen nicht moralisieren.

    LG,
    Mikka

  3. Der „dicke Lappert“ steht schon hier. Und nach dem Lesen deiner Besprechung freue ich mich noch viel mehr aufs Lesen – wahrscheinlich erst in den Herbstferien, damit ich ihn richtig und in einem Zug genießen kann.

  4. Pingback: Rolf Lappert | LEBEN IST EIN UNREGELMÄSSIGES VERB – Bookster HRO

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