Yoko Ogawa: „Insel der verlorenen Erinnerung“

Was passiert, wenn wir immer mehr vergessen? Nicht als Individuum, sondern als Menschheit. Was passiert durch den Verlust der Erinnerung mit der Kultur, der Gesellschaft und dann doch wieder mit dem Individuum? Yoko Ogawa hat eine faszinierende Parabel über Verlust geschrieben. Verlust von Vergangenem, Seiendem und dadurch letztendlich auch von Freiheit. Etwas Schleichendes, aber Unabwendbares geschieht in dieser Fabel, in der vieles sich verabschiedet wie Schnee, der sich in einem strömenden Gewässer auflöst.

Der internationale Bestseller erschien bereits 1994 in Japan, liegt nun erstmalig in der deutschen Übersetzung von Sabine Mangold vor und war für den Booker Price nominiert. Ogawa ist eine der bedeutendsten Autorinnen Japans und begeistert immer wieder aufs Neue mit ihren Werken.

Die Handlung spielt auf einer vom Festland weit entfernten Insel, auf der sich die Menschen mit einem Phänomen und einem totalitären Staat abgefunden haben. Das Phänomen betrifft ein regelmäßiges Verschwinden von Dingen. Es ist vorerst ein Gespür, eine Ahnung, dass wieder etwas verloren gehen wird. Am kommenden Tag ist es dann auch schon weg und alles, was daran erinnern könnte, muss vernichtet werden. Dafür sorgt die Erinnerungspolizei. Anfänglich waren es unbedeutendere Sachen, dann griff das Vergessen immer weiter um sich und nahm zum Beispiel die Spieluhren, die Vögel und die Rosen mit. Die Rosen auch als Symbol der Liebe, denn durch das Leben auf der Insel verkümmern immer mehr die Herzen der Menschen. Das Vergessen frisst sich auch durch die persönlichen Erinnerungen. Fällt ein Ding in den Fluss des Vergessens, ist auch die individuelle Erinnerung daran gelöscht. Wie bei einem Puzzle, dem man ein oder mehrere Teile wegnimmt, verschwindet Stück für Stück das Gesamtbild und der Bezug zum Ganzen. 

Doch gibt es Menschen auf der Insel, denen man die Erinnerungen an die Geschichten nicht nehmen kann. Bei diesen Personen klappt die Auslöschung nicht und somit sind sie eine Gefahr für den Staat und ein Opfer der Erinnerungspolizei. So hat sich auch die Mutter der Heldin lange an Vergangenem festgeklammert und wurde dann doch abgeholt und eventuell ausgelöscht. Die Hauptfigur ist eine Schriftstellerin, die gerade einen neuen Roman schreibt, in dem die Protagonistin ihre Stimme verliert und nur mit Hilfe einer Schreibmaschine kommunizieren lernt. Mit dem Defekt dieser Maschine, wird die Romanfigur ein Opfer des Schreiblehrers. 

Die Schriftstellerin geht regelmäßig mit ihrem Lektor R das Manuskript durch, der Anmerkungen oder Veränderungen vorschlägt, dabei wird deutlich, dass er zu den Menschen gehört, die nicht vergessen können und die verlorene Dinge noch im Kopf und Herzen tragen. Da die Erinnerungspolizei immer skrupelloser vorgeht, reift der Plan, den Lektor zu verstecken. Mit Hilfe eines älteren Freundes, der auf einer vergessenen Fähre lebt,  bauen sie eine Kammer im Untergeschoss ihres Hauses, um R dort zu verstecken. Aber auch die Razzien der Polizei werden immer häufiger und brutaler. Was passiert, wenn die Menschen selbst verschwinden müssen? Wo Erinnerungen, Geschichten oder sogar Bücher vergessen, wenn nicht sogar verbrannt werden, verbrennt sich dann nicht auch letztendlich die Menschheit?

Eine wunderbare Fabel. Ein kleines Meisterwerk, das als Parabel die aktuellen politischen Geschehnisse weltweit einspannt und uns gleichzeitig die Welt neu durchdenken lässt.

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