Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“

Ein politisches Märchen oder ein gesellschaftlicher Schauerroman? Auf jeden Fall ein wunderbares Werk. Was gruselt mehr, die Realität oder die Fiktion? Ein Roman, der als klassischer Gruselroman auf die Gesellschaft, Geschichte und Politik zeigt. Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt in den Bergen an der Grenze zu Transsilvanien. Diese Örtlichkeit weckt sofort Erinnerungen an die Legenden, die sich um diese Region ranken. Weltruhm erlangte die historische Figur, die hier gelebt hat, durch den Roman von Bram Stoker, der mit „Dracula“ einen der schönsten Gruselromane überhaupt verfasst hatte. Dana Grigorcea bedient sich dieser Welt, um aber auch auf die Realität zu blicken.

Eine in Paris ausgebildete Künstlerin besucht ihre Großtante in deren Villa. Erinnerungen an die kommunistische Diktatur keimen in ihr. Sie kehrt an den Ort, den sie in ihrer Kindheit oft aufgesucht hatte, zurück um in den Sommerferien die Natur, die Landschaft und das einfache Leben zu genießen. Der Kommunismus ist Vergangenheit und dennoch ist im Ort eine leichte Verzweiflung und Perspektivlosigkeit zu spüren. Die Großtante zelebriert aber weiterhin ihren Leitspruch, dass nichts sie zu zerbrechen vermag. Die alten Freundschafts- und Familienfäden nimmt die Erzählerin am Ort wieder auf. Die Erzählerin blickt aber mit ihrem Bericht auf die kommenden Geschehnisse zurück und hält ihre Erinnerungen schriftlich fest, um das, was ihr dort wiederfahren ist, publik zu machen. Auch Stoker hat seinen Roman so aufgebaut, dass man stets die Berichte der Charaktere zu lesen bekommt. Bei Dana Grigorcea ist es ein Bericht, der aber genauso fantastisch und sehr gruselig wird.

Bei einem Ausflug kommt es zu einer Tragödie und bei den Vorbereitungen zur Beisetzung in der Krypta wird eine Leiche gefunden. Diese wird auf dem Grab von Vlad, dem Pfähler, übel zugerichtet gefunden. Als Hätte der Fürst der Dunkelheit  zugeschlagen. Denn Vlad III. ist durch seine brutale Art in die Geschichte eingegangen. Er hat sein Land von allem Ungerechten und der Unterdrückung befreien wollen. Seine Feinde hat er grausig ermordet. Da er auch im Orden des Drachen agierte, wurde er Dracula, Sohn des Drachens, genannt. Ist dieser Blutsauger nun erneut auferstanden? Hat man nicht auch einen Nebel gesehen? War da nicht eines Nachts auch jemand bei der Erzählerin? Ist nicht ein Wesen auf allen vieren eine Mauer herabgeklettert? Warum schwindet langsam der Appetit und der Blick in den Spiegel bleibt leer?

Die Vampirgeschichte um Dracula scheint wieder belebt zu sein und das ganze Umfeld der Erzählerin macht mit ihr eine Verwandlung. Der Blick in die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart. Die Zeitenfolge wird für die Erzählerin immer schwerer zu greifen, aber letztendlich geht es auch immer nur um das Schicksal, egal wann dieses zuschlägt.

Doch sehen mit den Geschehnissen in der Stadt auch manche die Chance auf Veränderung. Die Möglichkeit, daraus Kapital zu machen und den Ort erneut zu beleben. Auch der Ruf nach einer starken Führungsfigur ist zu vernehmen.

Somit ist der Grundstein für eine tolle Geschichte gesetzt. Der Blick in das Auge eines Gegenübers verrät auch nur die eigene Spiegelung und somit wird das Reale fantastisch und das Grauen wird wahr.

Dana Grigorcea hat einen so tollen, altmodischen und doch ganz modernen Gruselroman geschrieben. Im Buch verwebt sie in der Fiktion die Geschichte des Landes mit der Gegenwart und verbindet Mythen mit der Wahrheit. Gesellschaftliches und Politisches wird dabei gekonnt gestreift. Ein gespenstisch guter Roman.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“

  1. Lieber Hauke,
    danke für diese wunderbare Rezension!
    Das Buch steht schon auf meiner Wunschliste, seit ich es in einer Vorschau entdeckt hatte und wird nun definitiv gelesen.
    Irgendwie erinnert es mich ein wenig an Kateřina Tučková – Das Vermächtnis der Göttinnen. Ich weiß nicht genau, warum das so ist.

    Ganz liebe Grüße,
    Barbara

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