Amy Waldman: „Das ferne Feuer“

Eine packende Geschichte über aktuelle Themen und Zeitgeschichte. Ein Roman, der es versteht, einen leicht journalistischen Ton in Literatur zu verwandeln. Dabei werden große Fragen aufgeworfen. Fragen über die Moralisierung, die naive Gläubigkeit durch die schnell wandelbare Medienwelt, Offenheit gegenüber fremden Kulturkreisen und Religionen. Dabei kann es zu Verwirrung führen, die, sofern sie öffentlich gemacht wird, katastrophal sein kann.

Amy Waldman, amerikanische Journalistin und Autorin, erzielte mit ihrem Debütroman „Der amerikanische Architekt“ große Erfolge. „Das ferne Feuer“ beschreibt allein durch den Titel eine Distanz, die durch Verständnis und Leidenschaft versucht wird zu überbrücken. Doch was ist, wenn die Bilder, die man von fremden Ländern und Kulturen hat, von Vorurteilen und falschen, eventuell manipulierten Bildern und Geschichten geprägt sind?

Der Hauptcharakter ist Parvin Schams, die in erster Generation Amerikanerin ist. Ihre Eltern sind aus Kabul in die USA geflohen. Sie ist eine ehrgeizige Berkeley-Studentin und kennt die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Als sie eines Tages per Zufall das Buch „Mutter Afghanistan“ findet und liest, entflammt in ihr ein Feuer. Das Buch, das sie mehrfach liest, ist eine Mischung aus Selbsterfahrungsbericht und abenteuerlicher Aufklärung. Ein Arzt berichtet über die medizinischen Missstände des Landes und besonders über die Rolle der Frau in Afghanistan. Er hat eine Klinik und eine Stiftung gegründet. Die Klinik hat der Arzt nach einer Frau benannt, die trotz seiner damaligen Hilfsversuche im Kindsbett verstorben ist. Parvin ist von diesem Bericht so berührt und fühlt sich so sehr angesprochen, dass sie den Arzt kennenlernen möchte. Auf einem Vortrag erlebt sie ihn und sieht, wie er durch kleine Starallüren auffällig ist, stellt dies bei ihm aber nicht in Frage. Auch, als sie mit ihrer Professorin über ihren Plan redet, aufgrund des Buches nach Afghanistan zu reisen, versucht die Professorin, die naive Leidenschaft abzumildern. Das Buch ist aus deren Sicht eine verkitschte Meinungs- und Machtmanipulation.

Parvin reist und will für die Stiftung tätig sein oder zumindest über diese schreiben. Als sie in dem ärmlichen Dorf eintrifft, in dem die weiß strahlende Klinik fast wie deplatziert wirkt, verschleiern sich die Perspektiven. Die Familie, die sie beherbergt, war auch bereits für jenen Arzt Gastgeber. Doch waren seine Berichte über diese Familie viel freundlicher und herzlicher, als Parvin nun dort aufgenommen wird. Immer mehr stößt sie auf Ungereimtheiten. Der Bericht, der sie zu ihrer Reise veranlasst hatte, scheitert an der vorgefundenen Realität. Auch die Klinik wird nur wöchentlich von einer Ärztin genutzt. Aber nicht als Klinik mit vollfunktionsfähigen Operationssälen. War der Arzt und der Gründer der Stiftung ein Hochstapler?

Nicht nur das Buch des Arztes hat großen Einfluss der amerikanischen Sicht auf Afghanistan, sondern auch in Folge was Parvin beschrieben hat. Dies kann in dieser krisengeplagten Region zu einer Katastrophe führen.

Welchen Einfluss haben die Medien auf den Blick auf unsere Welt? Wie weit kann man sich von subjektiven Berichten leiten lassen? Es kann nicht gut sein, wenn man stets von der eigenen Weltsicht die andere erschließen möchte. Gutgläubigkeit ist grundsätzlich gut, wenn die Menschheit friedlich und sorgsam miteinander umgeht. Sobald aber Gier ein Motivator ist oder Machtspiele ausgetragen werden, kann Gutgläubigkeit gelenkt und sogar manipuliert werden. Es gibt viel in diesem packenden und umwerfenden Roman zu entdecken. Ein Blick auf uns und unsere Welt in einem sachlichen und dennoch einfühlsamen Ton, der zu begeistern versteht. Jede Perspektive bekommt hier Glaubwürdigkeit. Übersetzt wurde das Werk aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

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