Georges-Arthur Goldschmidt: „Der versperrte Weg“

Roman des Bruders

Jürgen Arthur, später Georges-Arthur Goldschmidt, wurde 1928 geboren und ist ein Schriftsteller, der Autobiografisches und den Schrecken unserer Geschichte in seiner Literatur zu erneutem Leben erweckt. In „Der versperrte Weg“ schließt er eine empfindsame Lücke seiner persönlichen Reflektionen und begibt sich auf den Pfad seines Bruders.

Die ursprünglich jüdische Familie Goldschmidt lebt in Hamburg und ist früh zum Protestantismus konvertiert. Die erstgeborene Tochter ist bereits ausgezogen und als Erich einen jüngeren Bruder, Jürgen Arthur, bekommt, beginnt in ihm ein inneres Zerwürfnis zu rumoren. Er fühlt sich verdrängt und wird introvertiert. Er begibt sich in eine seelische Einkehr. Erich sieht die Welt vorerst aus Kinderaugen und die Eltern bestärken die Kinder in ihrer kindlichen Weltsicht durch ihr bisheriges Verschweigen der politischen Umstände in Deutschland. Doch als der Pfarrer sie vom Kindergottesdienst ausschließt und auch die Verbannung aus dem Gymnasium droht, werden die Eltern letztendlich gezwungen, auf den Hass und die Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland zu reagieren. 1938 werden Erich und Jürgen Arthur nach Italien in die Nähe von Florenz geschickt. Die Eltern verweilen in Deutschland und wollen ihre Kinder in Sicherheit wissen. Das Heimweh, die Heimatlosigkeit und das neue Umfeld prägen den anfänglichen Alltag. Doch auch Italien bleibt nicht sicher. 1939 bleiben die Jungs erneut nicht vom Antisemitismus verschont und müssen wieder vor den Schergen der Nazis fliehen. In Frankreich kommen sie vorerst in einem Heim und Internat unter. Später trennen sich ihre Wege. Während Jürgen Arthur durch die Literatur und die Sprache seine Lebensgeister belebt und Unterschlupf auf einem Hof findet, wandelt sich der introvertierte Erich zu einem jungen Mann, der bereit ist, zur Waffe zu greifen. Er schließt sich der Résistance an, kämpft bei der Befreiung mit und macht innerhalb der französischen Kolonialarmee Karriere. Auch beim Putsch gegen de Gaulle ist er später dabei.

Georges-Arthur Goldschmidt, früher Jürgen Arthur Goldschmidt, spürt mit viel Feingefühl der Geschichte seines Bruders nach. In ihm keimte stets ein Gefühl der Ohnmacht, Beklemmung und Schuld, die sich nun durch eine Ermutigung in ihm frei brach. Sein Verleger Thedel von Wallmoden fragte Georges-Arthur Goldschmidt was aus dem älteren Bruder geworden sei, der in den autobiografischen Romanen bisher selten in Erscheinung trat. Dieser Frage verdanken wir nun das aufwühlende und lesenswerte Kleinod an Literatur.

Dieser Roman, der wahre Geschichte beleuchtet und autobiografisch ist, versteht es durch die Distanz zum Bruder eine enorme Dichte zu kreieren. Eine Lektüre, die den Schatten der Vergangenheit aufwühlt und mit klugen und schönen Sätzen zum Leben erweckt. Es ist somit ein wahres Dokument, das uns Geschichte lehrt und durch die literarische Kunstfertigkeit zum Nachfühlen einlädt.

Das Foto auf dem Umschlag zeigt die beiden Brüder in Settignano, nahe Florenz im Jahr 1938.

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