Katharina Volckmer: „Der Termin“

Der Termin ist eine Sitzung bei Doktor Seligman. Eine Frau geht zum Arzt und beginnt sich wortwörtlich zu öffnen. Sie beginnt ihm unverblümt ihre Gedankenergüsse zu erzählen. Dabei wird es immer skurriler, witziger und schlüpfriger. Es ist ein Monolog voll bissigem Humor mit klugem Blick auf die Gesellschaft und unsere Geschichte. Im Vordergrund steht stets die Scham.

So wie der Redefluss beginnt, könnte man meinen, die Frau läge bei ihrem Psychotherapeuten auf dem Sofa. Doch nach wenigen Sätzen wird deutlich, der Arzt sitzt zwischen ihren Beinen. Somit kann der Termin für alle eine schamhafte Erfahrung werden.     

Gleich zu Beginn erzählt sie von ihren Träumen. Oft habe sie geträumt Hitler zu sein. Dabei wird sie auch hier sehr intim und gerade die Vorstellung, Hitler im Privaten zu erleben, im Schlafanzug sogar, lenkt das Ganze in eine Karikatur. Niemals gerät der Text aber in den Klamauk. Fraglich ist, ob denn stets der Schalk hier aus der Frau spricht?

Katharina Volckmer wurde 1987 in Deutschland geboren und lebt in London. Ihren Debütroman „Der Termin“ („The Appointment“) hat sie auf Englisch verfasst und dieser wird international gefeiert. Das Buch galt als schwierig für den deutschen Literaturmarkt. Doch ist es nun in der Übersetzung von Milena Adam erschienen. 

Auch die junge Frau, die Erzählerin des Buches, stammt aus Deutschland und hadert mit ihrer vermeintlichen deutschen verklemmten Art und dem Schamgefühl. Es geht um ihre Lust, ihr Schuldgefühl und die Selbstfindung und Benennung der eigenen Bedürfnisse. Ihre Abnabelung von der Heimat und die Neufindung vollziehen sich durch Beziehungen. Sie sehnt sich nach einer Abgrenzung von Vergangenheit und Gegenwart. Im Rundumschlag wird hier die Suche nach allgemeiner und sexueller Identität beschrieben. Gegenüber stehen dabei die Abneigung gegen den eigenen Körper und die Hoffnung durch Erfüllung im Körperlichen. Das sexuelle Sehnen findet die Protagonistin in einem Mann, hier lediglich K genannt. Doch wirkt die Körperlichkeit am Ende wie ein Farbenrausch, in dem letztendlich etwas Trauriges lauert. Durch das genannte Lila vermischen sich in der Bedeutung der Farbsymbolik die Geschlechter. Eine Farbe der Emanzipation und der Befreiung leuchtet somit dezent am Ende.

Der Blick aus London auf Deutschland kann nur ein komischer sein. Zumindest in diesem Roman. Die kulinarische Küche als Beispiel des Versagens oder der Nürnberger Christkindlmarkt als historische Kulisse für Bedeutenderes dieser Stadt. Der Schulunterricht in der Nachkriegszeit wurde geschmückt mit krampfhaften Beweisen, gänzlich entnazifiziert zu sein. Es folgen noch weitere kulturelle und gesellschaftliche Spitzen. 

Der ganze Monolog über Scham, Sex, Geschichte und Selbstbestimmung ist bitterböse und unglaublich humorvoll. Hinter den ganzen pointierten Witzen stecken stets eine Tiefe und eine zarte Melancholie. Ein junges Buch, das zynisch, wütend und aus der Distanz einen schamhaften Blick auf ein zeitliches und räumliches Zurück wirft.

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