Anne von Canal & Heikko Deutschmann: „I get a bird“

Hier treffen sich zwei unbekannte Menschen und wachsen an ihren Geschichten. Um genau zu sein sind es vier Menschen, zwei Reale und zwei Fiktive, die einer Idee entsprungen sind und zum Leben erwachen. Anne von Canal wollte schon länger einen Briefroman erfinden. Romane also, die durch einen fiktiven Briefwechsel eine Handlung aufbauen. Dies hatten unter anderem bereits Bram Stoker und Daniel Glattauer erfolgreich umgesetzt. Nur war die Idee für „I get a bird“ etwas anders. Es sollten auch zwei Autoren sein, die mit ihren jeweiligen Schreiben zwei Figuren erlebbar machen. Heikko Deutschmann wurde der schreibende Partner. Es gab eine Ausgangssituation, weitere Absprachen wurden nicht getroffen. In einem Schreiben an mich hat Anne von Canal Passendes zum Buch gesagt: „Es ist ein zarter kleiner Vogel, aber er kann manchmal schön singen“.

Am Anfang müssen alle Figuren und Schreibenden sich finden und in einen Fluss geraten. Die anfängliche Anonymität schafft eine Distanz, die ganz viel Raum erweckt. Es sind unsere Geschichten, die wir erleben und erzählen, die uns erfassen, berühren, vernichten oder aufbauen können. Es sind drei Perspektiven, die uns die ganzen Geschichten erzählen. Es sind die Briefe von Jana und Johan. Gefunden, beziehungsweise sortiert hat sie Beirette.art.ca. Stets die Welt durch ein Objektiv sehend gelangen diese Briefe über gewisse Umstände in deren Hände. Somit auch die Geschichten der bisher zwei Unbekannten. Es ist ein Busfahrer aus Neumünster, der einem Päckchen ein sehr persönliches Schreiben beifügt. Es ist Johan, eigentlich hatte er vor langer Zeit einen ganz anderen Beruf. War sogar Meister. Später durch Wendungen im Leben beginnt er, sich für Philosophie und Literatur zu begeistern. Dies erklärt auch seine guten Formulierungen und den Drang der Selbstreflexion. Denn gleich im Ersten Brief offenbart er seinen eigenen Kosmos voller Sehnsucht, Schmerz und der Hoffnung auf Klärung. An einer Endstation in Neumünster, im Wendehammer, hat er in einer Telefonzelle vor drei Jahren einen Terminkalender gefunden. Jetzt beim Aufräumen hat er ihn wiedergefunden und sich erinnert, dass er diesen eigentlich an die Besitzerin hatte zurücksenden wollen. Das macht er nun und somit taucht er plötzlich in Janas Leben auf. Sein Brief, den der dem Terminkalender beifügt, ist sehr persönlich und weil er als ein Fremder Jana schreibt, öffnet er etwas in Ihr lang Vergrabenes. Sie antwortet und das Spiel beginnt.

Sie war damals nicht ohne Grund in der Telefonzelle. Sie hatte sich in dem Planer eine wichtige Nummer notiert. Da sie den Bus bekommen musste, verließ sie die Telefonzelle und ließ den Terminplaner mit all den wichtigen Notizen liegen. Auch Johan suchte die Telefonzelle auf, weil er ein für ihn wichtiges Gespräch führen wollte. Doch im Laufe der Zeit, also jetzt in der Gegenwart, sind die einzelnen Telefonnummern ohne Anschluss.

Es sind jeweils tragische Familienerlebnisse, die durch ungewollte Trennungen, Lügen und dem plötzlichen Verschwinden geprägt wurden. Beide, Jana und Johan, sind seitdem sehr verletzlich. Durch die schreibende Stimme, die nun den jeweils anderen erreicht, entsteht ein Kanal, der in einen Fluss gerät und der Austausch öffnet einige Schleusen. Jana lebt schon länger in Freiburg, dennoch hat sie eine Vergangenheit in Schleswig-Holstein, zum Beispiel in Neumünster und Laboe. Somit kommt es in der Korrespondenz zu räumlichen und letztendlich zu persönlichen Überschneidungen.

Der erfundene Briefwechsel lässt einen nicht los. Man taucht ein in den Schriftverkehr und die persönlichen Geschichten. Zuweilen laden die Schreiben zum Schmunzeln ein, haben stets etwas Warmherziges, sogar Anrührendes an sich.

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