Frank Göhre: „Die Stadt, das Geld und der Tod“

Ein schnittiger Noir-Krimi aus der Feder des dreifachen Gewinners des Deutschen Krimipreises. Im Noir-Roman ist alles dunkel, die Probleme ausufernd und nicht nur individuell. In diesem Roman wirkt es, als wäre der Mensch nicht zum Glücklichsein geschaffen. Trotz der Düsternis ist es ein Lesespaß mit schwarzem Humor und einem charmanten Drive. Frank Göhre ist ein Meister der schnellen Schnitte. Seine Kapitel und Szenen sind kurz, punktuell und stets ausreichend, um im Kleinen ganz viel zu erzählen. „Die Stadt, das Geld und der Tod“ schaut in die Abgründe Hamburgs im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Der Weg zum organisierten Verbrechen beginnt hier mit flinken Fingern, die später Clubbetreiber werden und im Immobiliengeschäft Fuß fassen. Die Kontakte reichen über Kaffeegroßhändler, Drogenschmuggel von Ecuador bis Kopenhagen und sind auch in der Wirtschaft und der Politik gut vernetzt.

Ivo ist vor vielen Jahren aus einem abgelegenen Dorf in den Karpaten nach Hamburg gekommen. An seinen Händen klebte noch das Blut eines Friseurs, der wahrscheinlich die Ehre Ivos Schwester verletzt hatte. In den Achtziger Jahren macht Ivo in Hamburg Karriere im Familienclan Radu. An der Spitze steht der Immobilienkaufmann Nicolai Radu. Die Familie besteht ferner aus einem Gebrauchtwagenhändler, einem Diskothekenbetreiber, einer Juristin, einer Haushälterin und dem Chauffeur und Mann fürs Dreckige. Ferner bestehen noch Verbindungen in die Karpaten, wo unter anderem Hotelanlagen am Meer geplant werden. Nicolai Radu trifft sich regelmäßig mit einem Rechtsanwalt, einem Chefredakteur und einem Sternekoch zum Pokern. Hier werden Ideen und Geschäfte bedacht. Zum Beispiel soll ein abgebrannter Club demnächst zu einem Restaurant umfunktioniert werden.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer Leiche. Im Park von Eimsbüttel wird die Leiche des 16 Jährigen Schülers David gefunden. Er ist an einer hohen Dosis Amphetamin gestorben. Sein Vater ist Ivo, der kurz danach aus einer Haftstrafe entlassen wird und nun zum Clan seines Blutsbruders Nicolai zurückkehrt. Die Trauer ist nicht ganz so groß, denn kannte er seinen Sohn so gut wie gar nicht. Doch möchte er wissen, was passiert ist und wie sein Sohn umgekommen ist. Wer steckt eventuell hinter dessen Tod?

Der Roman lebt von seiner Zackigkeit. Alles wird cineastisch und mit kurzen Schnitten erzählt. Die Handlung baut sich durch die kurzen Szenen sehr schnell auf und nimmt gehörig an Fahrt auf. Die Stimmungen und Charaktere werden punktuell erfasst und mit tollen stilistischen Mitteln zum Leben erweckt. Witzig ist die gelungene Spielerei mit dem genannten Soundtrack im Text. Es macht einen enormen Unterschied, welche Figur entsprechende Musik oder passenden Radiosender hört. Wenn man frech ist, kann man behaupten hier ein Gegenstück zu den „Buddenbrooks“ gelesen zu haben. Dort, wo Thomas Mann lange Sätze und großangelegte Kapitel und Beschreibungen für den kunstvollen Untergang einer norddeutschen Handelsfamilie benötigt, zerschlägt Frank Göhre in der Verknappung und mit Verbrecher-Slang ein ganzes Imperium. 

Erneut macht es unglaublich Spaß Frank Göhre zu lesen. Seine Sprache hat einen besonderen Sound und verleiht dem handelnden Personal eine Glaubwürdigkeit und mit ihnen erwacht ein ganzer, tiefer und dunkler Kosmos in der Metropole Hamburg. Frank Göhre erzeugt stets pures Kopfkino und beweist sich als Meister der kurzen, schnellen Szene im Noir-Krimi. Siehe auch Leseschatz-TV (YouTube): Frank Göhre: „Verdammte Liebe Amsterdam“.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Frank Göhre: „Die Stadt, das Geld und der Tod“

  1. Schöne Besprechung, Hauke! Ist für mich auch wieder ein Muss-Kauf.

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