Husch Josten: „Eine redliche Lüge“

Husch Josten ist ein Garant für kluge und gute Unterhaltung. Ihre Werke bestechen durch ihren Erzählstil und die aktuellen Themen, die sie gekonnt in ihre Bücher einwebt. Es sind stets die Figuren und ihre Lebensfragen, die nach Beenden der Lektüre lange nachklingen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über diverse Fragen unserer Zeit und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens. Es geht auch um moralische Grundsätze und Identität. Es geht um das, was wir sehen, übersehen und sehen wollen.

Der Roman ist angesiedelt in der Normandie in der Domaine de Tourgéville. Durch das Setting und die Handlungen, besonders die Gespräche in und um das Ferienhaus, erinnert der Roman an französische Filme, besonders an die wunderbaren Filme von und mit Juliette Binoche, besonders an „Zwischen den Zeilen“.  Denn der Roman lebt auch vom Aufeinandertreffen unterschiedlichster Charaktere, die bei traumhafter Kulisse die Welt zu erfassen versuchen und sich selbst finden, d.h. verlieren.

Die Erzählerin ist Elise, die sich an ihren Sommer in der Normandie erinnert. Als ältere Frau lebt sie auf ihrem Boot und reflektiert den Moment, der sie jenen Sommer geprägt hatte.

Eigentlich hatte eine Freundin diese Arbeitsstelle bekommen, doch durch einen Wink des Schicksals arbeitet Elise für einen Sommer für das Paar Margaux und Philippe in deren Ferienhaus in der Normandie. War es es ein Zufall, sofern es diesen gibt, dass sie auf das gesellige Paar stieß? Das Seebad wird nach der Saison von einer Tristesse bestimmt. Dennoch geht von dem Ort etwas Betörendes aus. Besonders die Architektur der Domaine de Tourgéville. Mit viel Licht, Rundungen und diversen Etagen und Zimmern wird dieses Domizil für einen Sommer das Sinnbild der Gesellschaft.

Elise lernt die Sprache und kümmert sich um den Haushalt. Sie putzt, geht einkaufen und ist bei den Festessen sozusagen auch Gastgeberin. Margaux, eine Frau, die die Blicke auf sich lenkt, fasziniert Elise sehr. Oft sind im Ferienhaus geladene Gäste und die junge Frau wird durch ihren Aufenthalt und die dortige Arbeit zu einer genauen Beobachterin der Szenerien und Gespräche. Die illustren Gäste bringen jeweils ihre Weltsicht in die Gespräche beim Diner ein und somit wächst innerhalb dieser kleinen und wechselhaften Gemeinschaft ein Kabinett der gegenwärtigen Gesellschaft. Es geht um Banales, um Kultur, besonders Literatur, Kunst und die philosophischen Lebensfragen. In dieser Zeit erkennt Elise das Spiel zwischen Sein und Schein. Die Täuschungen, die wir bereit sind zu spiegeln, zu erkennen oder zu übersehen. Wo verbirgt sich das individuelle Glück? Die Normandie und die Gesellschaften haben anfänglich eine Ausstrahlung der Leichtigkeit und Gelassenheit. Doch kommt dann jener Moment, der alles erschüttern lässt.

Husch Josten versteht es erneut, mit viel Wissen, Humor und Sprachgefühl eine Geschichte zu erzählen, die ganz viel in sich verbirgt. Manches liegt ganz offensichtlich an der Oberfläche und die feinen Anspielungen wollen entdeckt und erlebt werden. Husch Josten beschäftigt sich stets sehr tiefgründig mit komplexen Themen und Sachverhalten, die sie in lesenswerte Literatur umsetzt. Ein unterhaltsames und kluges Buch, das die Fragen der Gegenwart aufwirft. Das Werk ist niemals thematisch überfüllt, sondern charmant und mit viel Witz geschrieben. Ein typisches Josten eben. 

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