Andreas Pflüger: „Ritchie Girl“

Der Autor pflügt durch die Geschichte und hat damit einen spannenden und bewegenden Roman geschrieben. Andreas Pflüger feierte nach „Operation Rubikon“ große Erfolge mit seiner preisgekrönten Krimireihe um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron. Erneut ist die Heldin in seinem neuen Roman eine kluge Frau. Andreas Pflüger schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher und Romane. Mit „Ritchie Girl“ hat er wohl seinen bisher besten Roman veröffentlicht. Erneut wirft er einen in die Szene hinein und wandert mit der Kunstfigur Paula Bloom durch die Zeit und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und begegnet dabei bekannten historischen Persönlichkeiten. Der Roman ist großartig recherchiert und cineastische Unterhaltung mit ganz viel Bildung.

Der Titel ist eine feministische Antwort auf die sogenannten Ritchie Boys, die im Camp Ritchie (offizieller Name: Military Intelligence Training Center) von der US Army ausgebildet wurden. Dies waren in der Regel junge Deutsche, die in der US-Armee den Kampf gegen die NS-Diktatur aufnehmen wollten. Paula Bloom ist als Deutsch-Amerikanerin ein Ritchie Girl. Sie ließ sich nach ihrer Übersiedelung in die USA im Camp ausbilden.

Wir lernen sie gegen Ende des Krieges kennen, als sie sich auf hoher See mit noch unbekanntem Ziel befindet. Sie landet in Italien, wo sie für weitere Verhandlungen miteingesetzt wird. Während dieses kurzen Aufenthaltes, wo sie unter anderem Mussolinis Leiche zu sehen bekommt, wird sie durch eine Mine schwer verletzt. Danach kehrt sie als amerikanische Besatzungsoffizierin in das zerstörte Deutschland zurück. Nahe Frankfurt kommt sie in das Camp King, wo sie einige Weggefährten wiedertrifft.

Während in Nürnberg über die Hauptkriegsverbrecher gerichtet wird, arbeitet man wieder in dem Camp mit einigen Nazi-Tätern zusammen. Viele sollen im Camp der U.S. Army verhört und eingesetzt werden, weil der kalte Krieg gemeinsame Feindbilder suggeriert. Paula hadert mit diesem geschichtlichen Zynismus und kann es nicht gutheißen, dass Pragmatiker das Sagen übernehmen. Paulas Hauptaufgabe wird ihr schnell nach ihrer Ankunft im Camp übertragen. Sie soll herausfinden, ob Johann Kupfer, ein Jude aus Österreich, tatsächlich der sogenannte Spion „Sieben“ war. Nebenbei sucht sie auch nach ihrer persönlichen Liebe und ihrem neuen Halt im Leben.

Ein Roman, der spannende Geschichtsstunden beinhaltet. Nach der Krimi-Reihe ist es erneut eine Heldin, die nach einem Unfall in die Haupthandlung gerät. In „Ritchie Girl“ ist es eine Frau, die beide Seiten des Krieges kennt und persönlich erlebt hat. Der ganze Handlungsverlauf ist toll komponiert und szenisch umgesetzt. Zeitgeschichte wird hier zur unterhaltsamen Lehrstunde mit enormer Spannung. Nicht nur die Dialoge beweisen den Witz und die Raffinesse des Autors. Pflüger versteht es, packende, kluge und tolle Bücher zu schreiben. 

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