Alain Damasio: „Die Flüchtigen“

Dieser Roman fordert den Leser im positiven Sinne heraus. Der Umfang minimiert sich in der Wahrnehmung zügig, denn die Visionen und Handlungen verstehen zu fesseln. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.

Das Setting erinnert an Klings Zukunftsvision aus „QualityLand“ oder „The Circle“ von Eggers. Die Menschen werden stets kontrolliert und überwacht. Fast jeder trägt einen Ring, der die Funktion des heutigen smarten Apparats ablöst, der einst lediglich zum Telefonieren gedacht war. Nicht der Kunde bewertet hier zum Beispiel eine Lokalität, sondern der Gast wird vom Personal mit Punkten versehen. In einem Café sitzt der Mensch allein vor seiner digitalen, meist visuellen Arbeit. Miteinander sprechende Gäste werden gleich heutigen Rauchern abgesondert. Dies nur als ein kleines Beispiel der zuweilen auch humorvoll durchdachten Dystopie.   

Die Handlung beginnt wie ein Familiendrama. Eines Morgens finden Sahar und Lorca das Bett ihrer Tochter Tishka leer vor. Fenster und Türen waren verschlossen. Das kleine Mädchen hat vorher mit ihrem Vater über die sogenannten „Flüchtigen“ gesprochen. Haben diese Wesen das Kind entführt? Gibt es diese Wesen überhaupt? Sahar ist skeptisch und wimmelt diese Theorie als esoterischen Mythos ab. Lorca glaubt daran. Ihm ist auch jedes Mittel recht, um seine Tochter zu finden.

Lorca ist dem System gegenüber sehr kritisch eingestellt. Die Wirtschaft bestimmt und durchdringt alles. Die Städte sind von gigantischen Konzernen aufgekauft und nach dem jeweiligen Sponsor umbenannt worden. Die Bewohner leben in Bezirken und Bereichen entsprechend ihres finanziellen und gesellschaftlichen Standes. Lorca will sich dem entziehen und trägt auch selten den Überwachungsring. Er schließt sich einer Einheit an, die jene „Flüchtigen“ jagen. Das Unverständliche und Lebendige wird mal wieder gejagt und getötet. Was sind die Flüchtigen? Da keiner sie bisher gesehen hat, denn die Wesen versteinern, wenn sie in den menschlichen Blick geraten, bleibt ihre wahre Gestalt ein Mythos. Sollten diese Lebensformen merken, dass sie in den Blickfang geraten, werfen sie Körperteile ab, um zu entkommen. Je mehr Lorca über diese Wesen erfährt, umso stärker wird sein Glaube. Er ist sich sicher, seine Tochter ist bei den Flüchtigen. Je weiter er kommt, desto fragwürdiger wird sein Handeln. Sind die Flüchtigen ein logischer und konsequenter Schritt, um aus dem Überwachungs-Kapitalismus zu entkommen?

Der ganze Roman entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven. Gleich am Anfang wird die Besonderheit der Sprache deutlich. Jeder Charakter hat seine eigenen Satz- und Sonderzeichen (oder auch fehlende Zeichen). Somit wird erst durch diese Besonderheit meist deutlich, wer gerade erzählt. Auch verändert sich stets das Klangbild in Bezug auf die Flüchtigen. Der Text begeistert und man gerät in einen Leserausch, der bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf das Buch einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen Gedankenbilder. Erneut ist hier die tolle Übersetzungsarbeit von Milena Adam zu nennen. Um es kurz zu machen, dieser Roman ist phantastisch gut.

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