Nina Bouraoui: „Geiseln“

Der Begriff Geisel als Anspielung auf den Handlungsverlauf, aber auch als Bild des Kontrollverlustes, der Machtverhältnisse und des Missbrauchs. Der kurze, aber unglaublich intensive Roman war ursprünglich als Theaterstück geschrieben worden und 2015 uraufgeführt. Das Schicksal der Heldin verbindet sich seitdem beständig mit unserer chaotischen Welt und somit war es der Wunsch der Autorin, diese Geschichte in einer Romanversion zu veröffentlichen. Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet.

Das schmale Buch beinhaltet viel Emotion, die erst gezügelt, dann explosionsartig aus den Zeilen herausplatzt. Die Erzählweise erinnert an die Werke von Deborah Levy, Annie Ernaux und Delphine de Vigan.

Es beginnt während eines Verhörs. Eine Frau, die Heldin, Sylvie Meyer, berichtet sachlich, wer sie ist und wie es zu jenem Gewaltausbruch kam, der sie sich nun rechtfertigen lässt. Sie ist dreiundfünfzig Jahre alt, ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einem Jahr getrennt von ihrem Mann. Sie arbeitet in der Produktionskontrolle bei Cagex, einem Gummiunternehmen. Bisher war ihr Leben ein unauffälliges, fast schon ein stilles und fleißiges. Sie nimmt alles meist mit einer resignierten Hingabe auf. Sie schweigt größtenteils und schluckt den Schmerz, der ihr zugefügt wird. Ein Schmerz, der sich langsam in ihr losbricht. Es beginnt mit dem Auszug ihres Mannes. Nach vielen Jahren Ehe geht er einfach und lässt Sylvie mit den Kindern allein. Sie nimmt es schweigend hin, klagt und kämpft nicht um ihre Liebe und ihr bisheriges Leben. Diese innere Leere füllt sie nun mit ihren Erinnerungen und der Arbeit. Sie mäandert während ihres Berichtes durch ihre Vergangenheit und die Gegenwart im privaten sowie im beruflichen Umfeld.

Der Chef des Unternehmens sieht in Sylvie eine Vertraute. Sie ist eine der Vorarbeiterinnen, die die untergestellten „Bienen“ beobachten, denunzieren und entlassen soll. Der Firma geht es durch die Finanzkrise nicht wirklich schlecht, aber die eigenen Interessen des Vorgesetzten haben die Kapitalkraft des Unternehmens in Schräglage gebracht. In Sylvies Erinnerung ist es ein roter Punkt, ein Kirschfleck auf ihrer Kleidung, der ihre Gefühlswelt in Aufruhr bringt. Sie droht an ihren bisher geschluckten Emotionen zu ersticken und es kommt zu einer Eskalation. Das Kaleidoskop der Innenschau von Sylvie geht noch tiefer in ihre Vergangenheit und weitere Gewalt, die ihr angetan wurde, wird sichtbar.

Das Buch wurde mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet und ist ein großartiges und beunruhigendes Portrait einer Frau, die den feministischen Aufstand verkörpert. Es ist der Bericht einer Befreiung der inneren und äußeren Geiseln.

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