Stephan Thome: „Pflaumenregen“

Das Lesejahr 2021 war ummantelt von drei Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mirko Bonné, Gert Loschütz und Stephan Thome. Alle drei eint die Liebe zur Sprache, zur Geschichte und zum guten Erzählen. Alle drei Autoren nehmen sich Zeit für ihre Stoffe. Ihre Erzählweise und der Aufbau ihrer Werke sind still, langsam und stets tiefgründig. Ihre aktuellen Romane haben einen historischen Hintergrund, der durch die Geschichte die Gegenwart erklärt. Dies sind Autoren, die es verstehen zu begeistern. Stephan Thome hat erneut einen Blick nach Asien geworfen und erklärt uns durch seine Literatur die schwierige Geschichte seiner Wahlheimat Taiwan. Es ist ein Entwicklungs- und Familienroman und eine abenteuerliche Geschichte, in der auch die Liebe vorkommt. Der Roman versteht es sofort, durch die Sprache, die Charaktere und die Handlung zu fesseln.

In den Jahren 1894/95 führten das chinesische und das japanische Kaiserreich einen Krieg. Das Kräftemessen hält beständig an und greift bis in unsere Gegenwart. Als China verlor, musste es die Provinz Taiwan als Kolonie an den Sieger abgeben. Nach dem Ausbruch des Pazifischen Krieges wurde die Assimilierung von Seiten Japans noch verstärkt. 1945 fiel Taiwan zurück an die chinesischen Nationalisten. Diese reagierten mit Abscheu auf die japanischen Lebensgewohnheiten der Bevölkerung. Bis heute ist Taiwan eine gefährdete Demokratie, denn das Regime in Peking betrachtet die Insel, die nie zur Volksrepublik gehört hat, als Teil seines Staatsgebietes und möchte es, wenn nötig, gewaltsam vereinigen.

Mit den unruhigen Zeiten beginnt der Roman. Taiwan in den 1940er Jahren, am Ende der japanischen Kolonialzeit wächst die achtjährige Umeko in einer Kleinstadt im Norden der Insel auf. Sie lebt behütet in ihrer Familie und ist gut in der Schule. Sie und ihre Freundin erleben einen Alltag, der durch den Unterricht und das Familienleben geprägt ist. Keiji, ihr Bruder, ist der Star des örtlichen Baseballteams und der ganze Stolz von Umeko. Denn durch seine spielerischen Siege erlangt auch sie Ansehen in der Klasse und besonders bei der Lehrerin, Honda. Keiji hat die Möglichkeit, durch sein sportliches Talent auf eine gehobene Schule in die Stadt zu wechseln.

Doch die politischen Umstände verändern alles. Vorerst sind es Kriegsgefangene, die die Wahrnehmung der Bürger verändern. Die Armee errichtet ein Lager für britische Gefangene am Ortsrand. Diese Gefangenen sind nicht die erwarteten Teufel, sondern abgemagerte Schatten, die nun in den Kupferminen arbeiten sollen. Später erlebt die Gemeinschaft die Kapitulation der Taiwaner Kolonialmacht und das japanische Weltbild verändert sich gänzlich. Eine Veränderung, die auf die Sprache, die Lebensgewohnheiten und sogar auf die Namen zugreift. Viele, so auch Umekos Vater, Herr Ri, verliert unter der chinesischen Herrschaft seine Arbeit. Manche werden sogar vertrieben. Diese Umwandlung greift tief in das Leben der Familie von Umeko.

Die andere Zeitebene des Romans erzählt von einem Familientreffen anlässlich von Umekos 80. Geburtstag. Harry, einer ihrer Söhne, lebt in Amerika und möchte nun, da er einen Roman schreiben möchte, die ganze Geschichte seiner Mutter erfahren.

Ein Schmerz und ein Schweigen haben sich um die Familiengeschichte gelegt. Vieles hat die Familie geprägt. Zum Beispiel die Gefangenschaft von Keiji und die Liebe zwischen Umekos Vater und der Lehrerin Honda. Das Zwischenmenschliche und die unmögliche Liebe werden politisch. In der Gegenwart sind die Nachkommen aus der Geschichte Taiwans herausgewachsen und doch durch die Kultur geprägt. Somit stellt sich die Frage nach Heimat und Identität.

Ein großer Roman über eine Region über die wir bisher wenig erlesen konnten. Besonders dieser Roman macht es durch die nahbaren Protagonisten sehr erlebbar und lädt zum Nachsinnen und Nachempfinden ein. Durch das Verzeichnis der Hauptpersonen und das Glossar am Ende des Buches, gelingt ein guter Einstieg, denn man fremdelt anfänglich mit Namen und Bezeichnungen. Doch lohnt es sich, wie immer bei Stephan Thome, diesen Roman zu lesen. Ein wunderbares Werk.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Stephan Thome: „Pflaumenregen“

  1. Pingback: Stephan Thome – „Pflaumenregen“ – ZEICHEN & ZEITEN

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s