Marie-Alice Schultz: „Der halbe Apfel“

In diesen Tagen erscheint der neue Roman von Marie-Alice Schultz „Der halbe Apfel“ und ich durfte vorab das Manuskript lesen.

Im Mittelpunkt steht die Suche der individuellen Rolle im Leben, in der Gesellschaft und besonders innerhalb der Familie.

Der erste Satz: „Ben ist zurück.“ ist Auftakt dieser Geschichte und beinhaltet die Rückkehr von jemandem, der nun wieder seinen Platz in seiner Familienkonstellation einnimmt. Das zentrale Bild des Werkes ist mit dem Titel gesetzt. Ein halbierter Apfel. Etwas wird gerecht geteilt, aber ist dann kein Ganzes mehr. Es geht um die Frage nach Familie, Heimat und Selbstfindung. Die Erzählerin hadert mit diesen Begriffen und ist durch ihre eigene Biographie verunsichert. Stets steht sie zwischen etwas, zwischen Literatur oder darstellender Kunst, zwischen zwei Muttersprachen oder ihren doppelten Vornamen. Das ist auch der begeisternde Punkt für den Roman, denn die Erzählerin ist die Figur Marie-Alice Schultz, die durch ihren Auftritt dem Inhalt Wahrheit gibt. Denn sie ist es, die in die Geschichte von Ben, Pia, Vinz und Janis hineingezogen wird. Sie lebt in Hamburg und bekommt von ihrem Freund, Vinz, mit dem sie auch für einen Moment mehr als Freundschaft verband, einen Anruf aus Wien. Vinz erzählt, das Ben einfach zurückgekommen ist. Nach sieben Jahren taucht er einfach wieder auf.

Ben ist der leibliche Vater von Janis, der seinen Vater somit kaum kennt. Vinz war immer für Pia, die Mutter von Janis, da und lebt nun mit ihr und dem Kind zusammen. Ben bittet Pia und Vinz kurz bei den dreien miteinziehen zu können. Er habe zurzeit keine andere Möglichkeit, flunkert er leicht. Somit hat Janis plötzlich zwei Väter. Marie-Alice Schultz erfährt von dieser ungewöhnlichen Situation der Wiener Freunde und beginnt zu schreiben. Sie empfindet sich selbst oft zwischen den Stühlen und hängt in ihrem kreativen Schaffen fest. Somit treibt sie dieses Thema plötzlich an. Ihre Gedanken kreisen um die Freunde, um ihre Projekte und ihre Zukunft. Auch werden Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter wach. Die Mutter war Französin und unterrichtete. Vor Jahren aß sie noch einen halben Apfel, bevor sie plötzlich verstarb. Identitäts- und Glücksuche stehen neben der Verantwortung in ihrem Fokus.

Gleich mit dem ersten Satz nimmt man als Leser Platz in der Wohngemeinschaft dieser ungewöhnlichen Familienkonstellation. Sofort fühlt man sich in den bildhaft beschriebenen Räumlichkeiten zuhause und man wird somit hautnaher Zeuge des Spiels, das unerwartete Wendungen bereithält.

Durch den Bezug zur Realität bekommt diese Fiktion etwas Frisches. Auch als Leser hängt man somit dazwischen. Da die Erzählerin auch nur eine Figur ist, entsteht sehr viel Freiraum. Dieser erschaffene Raum ermöglicht der Autorin, mit einer enormen Genauigkeit zu beobachten und nachzuempfinden. Sehr lebendig und authentisch treten die Charaktere aus dem Text hervor. Spielerisch leicht werden bedeutende Lebensfragen in die Handlung eingestreut.

Ein moderner und lebensnaher Roman, der zur Selbstreflexion einlädt. Für mich ein Leseschatz

Danke für mein Zitat auf dem Buchumschlag.

Zum Buch in unserem Onlineshop

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