Martin Beyer: „Tante Helene und das Buch der Kreise“

Die Handlung ist inspiriert vom Leben der Berliner Künstlerin Irene Wedell, die 2017 verstorben ist. Durch viele Gespräche mit der Künstlerin wuchs die Geschichte, die der Autor in „Tante Helene und das Buch der Kreise“ als Roman verfasste.

Im Mittelpunkt steht die Malerin und Modeschöpferin Helene Klasing. Es ist ein Künstlerinnenroman, der von der Selbstfindung handelt. Dies ist wahrlich keine neue Herangehensweise, doch lebt das Werk von einer frischen Lebendig- und Herzlichkeit. Die Handlung erweckt Neugier und der Inhalt wird durch die Sprache getragen und hat etwas Packendes. Das Buch der Kreise beinhaltet die kunstvolle Metamorphose der fiktiven Künstlerin, die Jahre später ihr Neffe aufgreift und vollendet.

Das Buch erzählt die Geschichte fast chronologisch, wird aber durch wenige Sprünge in das Jahr 2018 unterbrochen. Alexander lebt in New York und wird an die Gespräche mit seiner Tante erinnert. Sie war eine wichtige Gesprächspartnerin, die viele Anregungen in seinem Leben gab. Er erhält die Nachricht vom Tod seiner Tante und schreibt eine nie versendete E-Mail an diese. Gedanklich reist er zurück zu den Begegnungen mit ihr und hat sie als eine beeindruckende Frau in Erinnerung.

In den turbulenten und wechselhaften Sechzigerjahren versucht Helene sich in ihrer Rolle als Künstlerin zu finden und zu behaupten. Gerade als Frau stößt sie dabei oft auf diverse Widerstände. Der Umbruch der 68er versprach einiges einfacher werden zu lassen, doch wird Helene oft enttäuscht. Ihre beste Freundin, Heidi, ist Musikerin und alleinerziehende Mutter. Beide haben mit gesellschaftlichen Widerständen zu kämpfen. Auf einem Jazz-Konzert erlebt sie die Freiheit der Kunst. Jazz als Metapher der Unabhängigkeit und der Möglichkeit, dass jeder in sich Künstler sein kann. Sie nimmt aber noch mehr auf dem Konzert wahr. Sie lernt dort ihren zukünftigen Mann kennen. Harald ist ein Studierter, der eher schlecht den Elvis auf der Gitarre mimt. Als beide heiraten möchten, macht der Standesbeamte Helene darauf aufmerksam, dass in ihren Unterlagen Unstimmigkeiten sind. Sie wurde damals adoptiert und ihre Adoptivmutter hatte jahrelang nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen. Helenes doppelte Familiengeschichte streift somit das Adlige und ihr sich immer mehr radikalisierender Ehemann reizt sie in Folge immer mehr. Helene, die viel erlebt hat und Erfahrungen auf ihrem Weg sammelte, schöpft oft ein Mittelmaß und wird daher häufig nicht ernst genommen und als bürgerlich deklariert.

Helene stellt sich die Frage, warum sich Verhaltensmuster und Geschlechterrollen ständig wiederholen. Diesen Kreislauf möchte sie verstehen und beginnt ein Buch über Kreise zu entwickeln. Diese Lebensaufgabe nimmt eine Generation später Alexander auf und führt das Andenken seiner Tante weiter.

Ein einfühlsamer Text, der ziemlich schnell Bilder kreiert. Die Charaktere bekommen eine enorme Lebendigkeit und sind authentisch und nahbar erfasst. Es ist ein Unterhaltungsroman, der zum Eintauchen einlädt und in Folge auch ein Gesellschafts- und Bildungsroman wird.

Ein Gruß vom Autor an den Leseschatz

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