Agneta Pleijel: „Doppelporträt“

Ein Portrait beinhaltet stets zwei Betrachtungen. Der Mensch, der porträtiert wird und die Sicht, die Innenschau und die Erfahrungen des Künstlers. Jeder Künstler fließt bemerkt oder unbemerkt durch seine eigenen Erlebnisse und Interpretationen in sein Werk hinein. Dies macht sich der Roman zu eigen und beschreibt die Sitzungen von Agatha Christie bei Oskar Kokoschka. Somit porträtiert der Roman beide Künstler.

Zwei exzentrische Menschen, die anfänglich vom jeweils anderen wenig halten und wissen, prallen aufeinander. Mathew Prichard sucht den Galeristen Wolfgang Fischer auf, um den Preis für ein Porträt, das Oskar Kokoschka von seiner Großmutter anfertigen solle, zu erfahren. Es naht der 80. Geburtstag der Großmutter und die Familie wünscht sich, diese malen zu lassen. Oskar Kokoschka würde aber nicht jeden malen, so die Reaktion des Galeristen, der den Auftrag vermitteln soll. Als sich herausstellt, dass es sich um die Krimikönigin Agatha Christie handelt, wird schnell ein erstes Treffen vereinbart.

Oskar Kokoschka verweilt gerade in London und möchte eigentlich bald nach Montreux zurück. Doch der Auftrag, die Autorin zu malen, könnte sich als lukrativ erweisen. Auch Agatha Christie ist von der Aktion wenig begeistert. Sie hält wenig von einem Selbstbild und hat eigentlich genug zu tun. Sie muss an ihren kommenden Werken arbeiten. Widerwillig stimmt sie zu und es werden sechs Sitzungen vereinbart.

Oskar Kokoschka malt selten Stillleben. Seine Bilder müssen Bewegung und Leben atmen. Somit sucht er das Gespräch mit Agatha Christie bevor er diese auf einer Leinwand fixiert. Da beide Vorurteile dem anderen gegenüber haben, entsteht ein verbales Tänzeln um die jeweiligen Ansichten und Leben. Oskar Kokoschka muss selbst viel von sich preisgeben, um die zu Porträtierende aus ihrer Reserve zu locken. Sie besprechen Biographisches und thematisieren die Liebe, ihre Leidenschaften und ihre Kunstauffassungen. Kunst ist für beide existentiell und doch auch ein Spiel. Kunst ist der Zwischenraum, die Leere zwischen Realität und Traum. Beide spielen mit Betrachtungen von Menschen und mit ihrer eigenen Interpretation und fixieren diese auf ihre jeweils eigene Weise. Durch das zu schaffende Bild entsteht das titelgebende Doppelportrait und es werden viele Winkel und auch die dunkeln Seiten der beiden Charaktere beleuchtet.

Ein Roman, der einen Leerraum mit Leben füllt. Oskar Kokoschka hat Agatha Christie porträtiert. Was während der Sitzungen geschehen ist und was die beiden Küntlerpersönlichkeiten besprachen, bleibt ungewiss. Mit glaubhaften Dialogen und der Innenschau der zwei Porträtierten gelingt ein lesenswerter Text, der viel Kurzweil verspricht. Unterhaltsam wird Wissenswertes über die jeweiligen Biographien vermittelt. Das Buch lädt ferner dazu ein, sich mit der Kunst allgemein auseinanderzusetzen. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek übersetzt.

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Agneta Pleijel: „Doppelporträt“

  1. Ein möglicher Grund für Christie’s Widerstreben dürfte auch in ihrer Abneigung gegen alles Deutsche zu suchen sein, ein weiterer in ihrer doch eher der Tradition zugeneigten Kunstauffassung. Von Cecil Beaton hat sie sich gern fotografieren lassen, der hat jedes Objekt glamourös ins rechte Licht zu setzen verstanden. Kokoschkas Porträtierte dagegen sehen stets so aus, als seien sie schon in den Verwesungszustand übergegangen, Gottfried Benn ins Malerische übersetzt, sozusagen, und die Tatsache, dass die zeitgenössische Kunstkritik anbefahl, das habe man „gut“ zu finden, dürfte die eigensinnige alte Frau nicht gerade williger gemacht haben. In der Begegnung sind wirklich zwei Welten aufeinandergeprallt. Werde mir den Roman besorgen und bedanke mich für den Hinweis.

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