Mooses Mentula: „Der Schildkrötenpanzer“

Das Leben erleben und die eigene Geschichte finden sind die Bausteine dieses großartigen finnischen Romans. Das Erlebte und das Erlesene ist es, das uns prägt. Ob die Geschichte dabei die eigene oder die erzählte, d.h. die erlebte oder die beschriebene ist, bleibt im Moment des Erfassens nebensächlich. Figuren und deren Schöpfer nehmen stets unbewusst oder bewusst Einfluss auf unseren persönlichen Lebenslauf. Dabei ist das Abenteuer, die Komödie, das Drama in der Entwicklung gleichwertig. Ob es nun Zitrone oder Limonade gibt liegt im Moment des erfassten Handelns. Das Leben, das wir betrachten, ist oft durch einen Schutzschirm vor der Wirklichkeit geschützt. Oder wird die Wirklichkeit vor der Illusion bewahrt? Im Roman wird die Illusion am Anfang durch ein Aquarium verdeutlicht. Das Becken schaut sich unser Held lediglich per Stream an und ist somit Beobachter der Realität und dann doch aus diesem Leben Verrückter, als würde er tatsächlich vor einem Fischbecken stehen.

Tino verpasst immer wieder den Anschluss und hadert mit dem Leben. Er ist bei seinen Eltern ausgezogen, um seine Selbständigkeit zu finden. Die Eltern, besonders der Vater, beobachten dies mit großer Sorge, denn Tino ist zwar ein kluger Mann, doch umschifft er oft die geforderten Umstände. Jetzt geht er auf die Vierzig zu, hat in seinem Leben nicht viel erreichen können. Sein Wunsch, Medizin zu studieren scheiterte an der Aufnahmeprüfung für die Universität. Seine Idee, Straßenbahnfahrer zu werden, misslang nach dem Einführungskurs am ersten Arbeitstag, als er einen psychotischen Schub hatte. Seitdem ist er in Behandlung und Freund seiner verschriebenen Psychopharmaka. Sein Leben findet in seiner kleinen Messiewohnung statt. Dort erhält er lediglich unerwünschte Besuche von seinen Eltern oder dem Vermieter. Die Welt außerhalb erträgt er kaum und er meidet menschlichen Kontakt.  Einkaufen (besonders das Bier holen) bedeute für ihn stets eine große Überwindung. Als er auf dem Weg zum Markt von einem neugierigen Mädchen angesprochen wird, flüchtet er in einen Trödelladen. Dort erwirbt er von einem ominösen Händler einen Schildkrötenpanzer und einen vom Händler zusammengestellten Beutel voller Bücher.

Die Bücher geben Tino neuen Schwung. Er liest die Werke von Jack London, Jack Kerouac, Jean Genet und Charles Bukowski und sein inneres Leben wird belebt. Er beginnt zu schreiben und das Gelesene wandelt sich in seiner Phantasie zu etwas Eigenem und sein Umfeld fließt in seine Geschichten hinein. Je mehr er somit erlebt, umso phantastischer werden seine Geschichten, die für ihn immer realer werden. Stets ist der Panzer der Kröte ein Beiwerk der erfassten Geschichten. Doch greift die Realität ein und die Ämter möchten ihn sehen, damit er seine Unterstützungen weiterhin behalten kann. Als ihm die frühzeitige Rente, also der gänzliche Ausstieg aus dem Berufsleben vorgeschlagen wird, wird sein Umfeld surreal, denn der zwielichtige Händler, der ihm den Schildkrötenpanzer verkaufte, taucht in seinem Leben als Lehrmeister auf. Das Tinos Lebenswahrnehmung immer bunter wird, liegt an der Person des Verkäufers, der sich als Charles Bukowski entpuppt. Aber es tauchen noch weitere eingreifende Charaktere auf, die Mutter des Kindes, das ihn in den Trödelladen trieb oder in einer Nebenrolle zum Beispiel Jack Kerouac.

Jede Geschichte ist wahr, wenn man sie mitfühlend erlebt. Dabei ist es vorerst unwichtig, wie das Leben kreiert wird, ob real, zum Beispiel in der Südsee, im Aquarium oder in einem Wohnmobil, mit einem Stift oder an einer Tastatur.

Ein übersprudelnder Lesespaß voller irrwitziger Ideen, Handlungen und Charakteren. Ein Roman, der uns herausfordert, das Leben zu leben, die eigene Geschichte zu schreiben und dabei Spaß zu haben.

Der wunderbare Roman wurde von Stefan Moster, der mit seinen eigenen Werken und Übersetzungen ein beständiger Gast im Leseschatz ist, aus dem Finnischen übersetzt.

Los, lesen, leben – jetzt!

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

2 Antworten zu “Mooses Mentula: „Der Schildkrötenpanzer“

  1. Pingback: Mooses Mentula: „Der Schildkrötenpanzer“ | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  2. Vielen Dank für den Text zum Buch. Steht nun auf der Leseliste. Mal sehen, wann ich dazu komme. 🙂

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