Ré Soupault: „Überall Verwüstung. Abends Kino“

Ein Reisebericht der ganz anderen Art. Ein Tagebuch einer fragilen und zerstörten Schau. Die zerrissene Landschaft ist das Beispiel einer Fehde zwischen Deutschland und Frankreich. Der Blick der Künstlerin fällt auf das zerstörte Süddeutschland und sie schreibt eines Tages: „Überall Verwüstung. Abends Kino“ Diese Aussage schmückt nun das Tagebuch ihrer außergewöhnlichen Reise.

Ré Soupault wurde 1901 als Erna Niemeyer in Pommern geboren. Sie war Bauhaus-Schülerin in Weimar und gehörte zur europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Über ihren ersten Mann, dem Dadaisten Hans Richter, lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. 1931 gründete sie in Paris ihr erstes eigenes Modestudio „Ré Sport“. In der Pariser Künstlerszene traf sie ihren späteren Ehemann Phillipe Soupault, mit dem sie viele Reise machte. Mittellos kehrte sie nach Ende des 2. Weltkrieges aus dem Exil in den USA nach Europa zurück. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, mit dem sie aber Jahre später wieder zusammenziehen wird. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

Im Jahr 1951, als sie in Basel lebte und langsam wieder gesellschaftlich und künstlerisch Boden unter die Füße bekam, erwarb sie das erste Modell eines Vélosolex, ein Fahrrad mit Hilfsmotor, das 0,4 PS leistete und ca. 1,2 Liter einer Zweitaktmischung auf 100 Kilometer verbrauchte. Sie machte eine Reise und ihr wichtigstes Gepäckstück war ihre Olivetti-Reise-Schreibmaschine. Am Samstag, den 8.9.1951 bricht sie in Basel auf und am 15.10.1951 kehrt sie nach 1500 Kilometern Reiseweg zurück. Mitgebracht hat sie seitenweise Berichte, Notizen und Texte über ihre Eindrücke, die nun ihr Nachlassverwalter, Manfred Metzner, in seinem Verlag „Das Wunderhorn“ herausgebracht hat. Der Text des Reisetagebuches wird originalgetreu wiedergegeben. Lediglich Schreibfehler wurden korrigiert. Somit ist dies ein historisches und authentisches Dokument.

Die Reise geht unter anderen nach Trier, Colmar, Stuttgart, München und Oberstdorf. Sie beobachtet die Menschen, die Gegebenheiten und hält alles fest. Die Melancholie des Wiederaufbaus und die Sehnsucht nach Normalität. In ihrer Wahrnehmung fehlt den Menschen und der Kultur oft die Kontur. Das Vélosolex ist ein treues Gefährt, das nur ab und zu einen Werkstattbesuch benötigt. Die ganze Reise ist eine Übergangsphase der bereisten Landschaft und von Ré Soupaults Leben. Die Betrachtungen sind voller Hoffnung und es gelingt, wie die Biographie es beweist, der Neuanfang.

Ein lesenswertes Zeitdokument, das mit viel Feingefühl und einer enormen Aufmerksamkeit geschrieben wurde.

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