Bernd Marcel Gonner: „Oderberger“

Dieses Versepos kloppt sich ins Gemüt und entfaltet sich dabei langsam und gärt innwendig. Es lebt von der Sprache, der Rhythmik und den Polen, die sich verbinden, abstoßen und mit der Handlung und Entwicklung einen ganzen Roman in Lyrik erfassen. Doch benötigt das Werk Zeit. Zeit der Verdauung. Das Buch gibt es bereits seit 2020 und ist der Auftakt, der mit „Volk der Freien“ fortgeführt wird. Nun liegt „Oderberger“ als großartiges Hörbuch vor. Somit kann man das Werk wie folgt am besten inhalieren: lesen, hören und dann beim erneuten Hören mitlesen.

Die Pole sind dem Umfeld entsprungen. Die Handlung beginnt 1989 in Ost-Berlin. Die heraufbeschworene Kulisse ist geprägt durch Häuserschluchten, Rauch, Mief und Scherben. Schnee wird gegen Ende blutgetränkt sein. Hier tauchen sie auf, die vier Helden. Vier blutjunge Punks und Ausreißer. Ihr Leben ist in dieser erfassten Lebensphase voller Banalität, Gewalt und Liebe. Die Sprache ist eine Lyrik, die vorerst nicht an Punks denken lässt. Somit ist ein Kunstwerk entstanden, das vermeintlich Primitives in raffinierte Schönheit verwandelt. Die Alchemie des Textes kann mit einem Kieler Graffiti beschrieben werden: „Beim Pissen begriff ich den Kosmos“.

Das Plumpe, das auffällige nicht auffallen wollen und das Groteske werden allein durch die Sprachkunst des Epos zu etwas Enthobenem. Dabei wirkt es lediglich nur beim ersten Betrachten als gekünstelt, als überbordend und die Szenerie entstellend. In „Oderberger“ ist das Leben stets an der Kante. Mit dem Verlauf des Gesanges fräsen sich die Zeilen in den Geist ein und das Gesagte erklingt bisweilen verzögert. Der Mensch als Individuum benötigt helfende Hände, auch in der Anarchie. Punks als Paradiesvögel, als anrührende Helden, die sich erfinden oder verlieren und neuerfinden. Es sind: Rue, der mit den kurzen Beinen, ein Oderberger Heiland, Toxo, der Schöne mit seinen Seelenkrawallen, Wolle, der unreine Tor und der Knaller Flocke.

Mode oder Schick ist ihnen fremd. Sie leben oft in fremden Hosen in Abrisshäusern und ihre Revolte wendet sich von innen nach außen. Ihre Worte sind Hülsen, die wie buntes Graffiti die Wände zieren. Ihrer Geschichte lauschen wir, werden Zeugen und ein „O – der – ber- ger“ verklingt. Hier weiß man nicht immer, ob Herz oder Hirn angesprochen wird. Beben tut nach der Lektüre beides. Als hätten sich zum Beispiel Goethe und Bukowski betrunken und hier den letzten Schliff vorgenommen.

Ein Punkermärchen, das sich entfalten muss. Das Hörbuch ist tolles Kopfkino von Matthias Ransberger, der den Versen und den jeweiligen Figuren viel Leben einhaucht.

Eine Sehnsucht nach Liebe, die durch Nietenarmbänder kaschiert wird. Also Augen und Ohren auf! Die Revolte dauert an!

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