Mikita Franko: „Die Lüge“

Ein beeindruckender Familienroman und ein Blick in die Gegenwart Russlands. Die Stimme, die hier erzählt, verwischt Realität und Literatur. Denn der Protagonist heißt wie der Autor und somit erkennt man nie ganz die Grenzen zwischen biographischen oder erdachten Handlungen. Die Erzählweise ist humorvoll, einfühlsam, schnörkellos und ist wohl dem Blog des Autors entsprungen und hatte durch seine Thematik Probleme in Russland publiziert zu werden. Der Autor zeigt sein Talent durch seine ehrliche Prosa, die nachdenklich stimmt. Es ist die Geschichte eines geheimen Lebens. Queeres Leben in Russland ist durch Verleumdung, diskriminierende Gesetze und Strafverfolgung geprägt. Die Ohnmacht und Verzweiflung, die diese gesellschaftliche Prägung im Privaten verursacht, zeigt dieser Roman. Eine Familiensituation, die hier anscheinend nur zwei Möglichkeiten hat zu überdauern: auszuwandern oder im Geheimen zu leben.

Mikitas Erzeuger ist weg und die Mutter stirbt, als er noch sehr jung ist, an Krebs. Kurz hängt er in der Luft, denn vorerst ist unklar, wer Mikita aufnimmt und das Sorgerecht bekommt. Die Großmutter empfindet sich zu alt und somit nimmt Slawa, sein Onkel, ihn bei sich auf. Dieser lebt als Künstler in einer Stadtwohnung mit Lew, einen Mediziner zusammen. Die Großmutter denkt, Slawa wohne immer noch in einer Wohngemeinschaft. Doch ist Lew kein bloßer Freund, sondern der Lebensgefährte von Slawa. Mikita findet sich schnell zurecht in dieser neuen Familiensituation. Slawa war schon immer der kumpelhafte Onkel, daher ist es zuerst Lew, den Mikita Papa nennt. Er hat zwei Väter, die ihn lieben und sich um ihn kümmern und sorgen. Je mehr das soziale Umfeld Einfluss auf Mikita nimmt, desto größer werden die Bedenken. Zu einer Kindertagesstätte ist er kaum gegangen und die Einschulung rückt näher. Sollte sich das Kind gegenüber jemanden aussprechen, könnte das Sorgerecht schnell entzogen werden. Somit wird Mikita das Lügen antrainiert. Lügen, die in dem Umfeld der Familie lebensnotwendig sind.

Mikita ist voller kreativer Ideen und er liebt es, Geschichten zu erfinden. Bereits als Kind hat er viele Erzählungen aufgeschrieben. Doch warum er lügen soll, begreift er nur zögerlich. In der Schule wird er gerne gehänselt, weil er anders ist. Als er zu einem Festtag für seinen Vater, offiziell ist es stets Slawa, etwas Militärisches basteln soll, hadert er mit der Ausführung. Er wächst behütet vor dem Patriachat und der (meist männlichen) Gewaltbereitschaft auf. Doch findet er Freunde und erlebt eine in dieser Situation fast normale Kindheit. Doch mit seiner Reife wächst auch sein Gefühlsleben. Seine Liebessehnsüchte und Sexualität irritieren ihn und er möchte sich von den Klischees und Meinungen frei machen. Bis er seine Identität und somit seinen Frieden findet ist es ein schmerzvoller Weg.

Ein Roman voller heikler Themen in Russland. Ein einfacher, aber bewegender Text, der gerade dadurch viel Empathie und Glaubhaftigkeit besitzt. Aus dem Russischen wurde der Roman von Maria Rajer übersetzt.

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