Kevin Barry: „ Nachtfähre nach Tanger“

Hier möchte man von einem virtuosen Meisterwerk sprechen. Ein atmosphärisch dichter Roman, der durch seine Sprachkunst glänzt. Ein melancholischer, düsterer Text, der von zwei irischen Gangstern im Hafen von Algeciras erzählt. Ihr Warten auf die Nachtfähre erklingt wie eine stagnierte Odyssee von Godot. Es ist die Geschichte von Charakteren aus den Randbezirken mit ihrem eigenen Lebenscharme und dem individuellen Sprachklang.

Maurice und Charlie sind es, die im Warteraum des Fährterminals in Spanien warten. Zwei alternde, lebenskluge Iren. Der eine blickt leicht irre und der andere hat selbst seit Jahren nicht mehr in den Spiegel geschaut. Beide blicken auf eine gemeinsame, kriminelle Vergangenheit zurück. Sie waren im gefährlichen Drogenschmuggel tätig. Auch der Hafen von Algeciras hat viel Schlimmes erlebt und somit wird der Handlungsort Schauplatz ihres Denkens, Handelns und ihrer Vergangenheit.

Beide sind Halunken, die mit ihrem Dialekt aus Cork in Erfahrung bringen möchten, wann die Fähre ankommt. Doch in dieser Oktobernacht ist vieles ungewiss. Die spanische Terminal-Crew ist keine große Hilfe und das Wetter ist, wie die Stimmung im Warteraum, wechselhaft. Die Schiffsverbindung geht von Spanien nach Marokko und hier soll Dilly ankommen oder abfahren. Das wurde ihnen erzählt. Dilly ist die Tochter von Maurice, der sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie ist damals abgehauen. Als Streunerin soll sie nun an diesem Tag das Terminal passieren. Wann und in welche Richtung ist noch unklar. Auftauchen soll sie, soviel steht fest. Also warten die beiden Männer, die nicht mehr ganz die jungen Wilden, aber immer noch zu allem bereit sind, auf die Nachtfähre. Zum Beispiel wird ein Passant, der zum Lebensumfeld von Dilly passt, nach ihren Methoden verhört. Somit öffnet sich in dieser Nacht ein Kosmos und in Rückblicken wird immer mehr verdeutlicht. Auch das Liebesleben und die Verbrechen der beiden Herren bekommen immer mehr Kontur. Der Abstieg ihres Lebens und der Hintergrund der ganzen Warterei werden mit dem Fortschreiten der Nacht deutlicher.

Es ist die Geschichte von Verlierern auf ihrer Nachtwache, erzählt in einem wunderbaren, ganz besonderen Rhythmus. Voller brutaler Späße und trinklaunigem Gezanke. Beide sprechen in ihrem Akzent, der auch mal lallend ist. Ein Buch mit viel Humor, menschlicher Psyche und ergreifendem Tiefgang. Ein wunderschönes, rohes und lebendiges Werk, das begeistert. Die Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Überhoff fängt den Sprachklang großartig auf, denn das Gälisch lässt sich stets erahnen.

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