Tschabua Amiredschibi: „Data Tutaschchia“

Dieses Heldenepos über einen Freiheitskämpfer zählt in Georgien zu den bekanntesten Werken der Gegenwartsliteratur und wurde mit dieser Ausgabe erstmals ins Deutsche übersetzt. Eine fiktive Räubergeschichte aus dem Kaukasus, die auf Weltgeschehen hinzudeuten vermag.

Tschabua Amiredschibi hat diesen Roman in Haft erdacht und seinen eigenen Freiheits- und Unabhängigkeitswunsch in dieser Literatur verewigt. Er lebte von 1921 bis 2013 und wurde Opfer des stalinistischen Terrors und 1944 verhaftet. 1960 kehrte er aus seiner Verbannung zurück und unterstützte in Folge die Unabhängigkeitserklärung Georgiens. 1992 wurde er ins georgische Parlament gewählt. Sein Roman „Data Tutaschchia“ hat Kultstatus und wurde nun von Kristiana Lichtenfeld übersetzt.

Data Tutaschchia ist ein Name, der bereits legendenhafte Anspielungen verbirgt, wie sich einer der zahlreichen Anmerkungen im Anhang und der kleinen Vorgeschichte entnehmen lässt. Die persönliche Tragik der Lebensgeschichte des Autors und die brutale Politik sind die Antriebskraft dieses umfangreichen, aber großartigen Romans. Der Erzähler erhält eine Vielzahl von Manuskripten, die ihm der Graf Szegedy, Hauptmann der damaligen Gendarmerie, nach dessen Ableben hinterlassen hat. Diese Schriftstücke sind die Grundlage für die Geschichte des Räubers und Freiheitskämpfers Data Tutaschchia. Somit wird die Geschichte durch verschiedene Textarten, Perspektiven, Anekdoten und Berichte erzählt. Data Tutaschchia wurde gezwungen, als Abrage, als Freiheitskämpfer, in die Berge zu gehen. Er tötete, da jemand seiner Schwester gegenüber einen unehrenhaften Schritt unternommen hatte. Nach der Flucht folgen Vernehmungsprotokolle oder Berichte über den Versuch, den Abragen dingfest zu machen. Es ist das Jahr 1885 als Data Tutaschchia in den Untergrund geht. In Georgien, Teil des Russischen Zarenreiches, toben die Vorboten der Oktoberrevolution. Doch die Politik ist nicht von Interesse für den edlen Räuber, sondern eher die Ungerechtigkeit und die Käuflichkeit der Menschen. Durch seine Taten wird er vom Volk bewundert und verehrt. Er hilft einem Bauern, der sich dann doch als undankbar erweist, aber dadurch den Tatendrang von Data Tutaschchia entfacht. Er ist kein politischer Revolutionär, aber ein freiheitsdenkender Räuber.

Data Tutaschchia schlägt sich in der Landwirtschaft durch und erhält dadurch oft Unterschlupf. Er greift stets ein, wenn den Menschen Ungerechtes passiert. Zum Beispiel in einem Dorf, in dem die Menschen im Bergwerk tätig sind, aber doch hintergangen werden. Stets ist er ein gerechter Rächer. Besonders bei Wucherei, Ausnutzung oder Verlogenheit. Besonders die Bestechlichkeit der Polizei und der Regierungen geraten dabei in den Fokus. Dabei gerät er immer mehr in den Blickwinkel seiner Widersacher.

Die Perspektiven wechseln wie die Ortschaften. Dadurch verdichtet sich die Handlung immer mehr. Die ganzen Akzente der Erzählungen um den Freiheitskämpfer werden dramatischer und politischer. Die Lebensgeschichte des Autors und die revolutionäre Stimmung der damaligen Zeit verbinden sich zu einem phantastischen Roman. Alle Berichte und Passagen sind sehr lebendig erzählt und voller lebensnaher Figuren, die hier und dort das Erzählte auszuschmücken verstehen. Alles ist aber so gekonnt ausgewogen und literarisch fixiert, dass man hier tatsächlich von einem Meisterwerk sprechen darf.

Dies ist kein verklärtes Heldenepos, sondern eine Geschichte, die auf vielen Ebenen auf die Geschichte und auf das Gegenwärtige hindeutet.

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