Neues aus der Lyrikschatzkiste II

Lyrik ist eine Gattung der Literatur, die in der Verknappung durch das gezielte Wort, den Rhythmus und die Form Inhalte vermittelt. Es ist eine Kunstform, die durch die Reduktion ein Mehr erzeugt. Gedichte sind somit Werke, die wie von einem Steinmetz vom überfüllten Umfang befreit werden und lediglich das Wesentliche bestehen lassen. Dadurch ist die Lyrik nicht immer zugänglich, nicht immer ad hoc verständlich. Sie ist wie ein Samen, der gelesen langsam im Lesenden keimt und wachsen kann. Gedichte können dabei zu Bergen wachsen, Brocken werden, die es zu erklimmen gilt, um dann am Ende auf uns selbst zu blicken. Dies schreckt leider allzu oft ab und die Lyrik wird innerhalb der Buchwelt zu wenig beachtet. Denn es macht Spaß, sich den Wortklängen und Spielen hinzugeben. Gottfried Benn schreibt in einer Zeile: „Die Jahre halten ohne Schnee und Frucht bedrohend das Unendliche verborgen“ (Verlorenes Ich). Diese Weltflucht kann zeitgleich aber auch ein Einladung sein, die Welt etwas besser zu erfassen. Gedichte sind meist mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf aufzunehmen. Es klingt etwas verkitscht, aber Lyrik ist meist eingefrorene Emotion, die im Betrachter innwendig schmilzt und das eigene Erlebte mit dem des Verfassers verschmelzen lässt.

Folgende Werke möchte ich zum Jahresausklang erwähnen:

Lina Atfa „Grabtuch aus Schmetterlingen“. Gedichte in Arabisch und Deutsch. Übersetzt und nachgedichtet aus dem Arabischen von Brigitte Oleschinski und Osman Yousufi. Mit einem Vorwort von Jan Wagner. Schmetterlinge als mythische Lebewesen, die durch ihre Verwandlung für einen Neuanfang stehen und seit jeher als Metapher für die Seele stehen, werden laut dem Titel mit einem Grabtuch, nach seiner letzten Erscheinungsform, zugebettet. Diese Gedichte haben einen enormen und tiefen Sprachklang und die Texte berühren und spannen einen Bogen über Krieg, Flucht und die Ankunft bei Nachbarn. Diese Lyrik schaut auf sich selbst, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass Literatur sich mit dem Umfeld und der persönlichen Geschichte wandelt. Aber gerade dies muss der Literatur wiederum egal sein. Es tauchen bekannte Persönlichkeiten auf, wir erlesen Anekdoten, Geschichten und Humorvolles. Eine Nähe und eine Distanz verweben sich miteinander. Die Vergangenheit tanzt mit der Jetztzeit und legt ein passendes Corona-Gedicht anbei.

Ásta Fanney Sigurðardóttir „Ewigzeit“. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. In den Isländischen Gedichten taucht man meist ein in eine klangvolle Märchenwelt, die uns dabei unsere Welt vor Augen führt. Nordische Mythologie und Sagen treffen auf den ewig verletzenden Menschen. Ein Wechselspiel zwischen Wirklichkeit, Traum und Albtraum. Diese Lyrik bietet auch Popkultur an und erklingt wie fixierte Songtexte, die auf eine Vertonung warten. Der eigene Kosmos, die selbst geschaffene Wirklichkeit sind oft eine Illusion, die den Träumenden nach dem Erwachen noch in den Gliedern steckt. Ein Klangraum voller Wunder.

Jacqueline Thör „Der Mensch und das Meer“. Jacqueline Thör verknappt ihre Kunst immer mehr und erzeugt dadurch einen Resonanzraum im Lesenden. Hier wird sich gänzlich auf das Minimalistische und das Wesentliche beschränkt und gerade dadurch erklingen die Worte länger nach. In den Bildern steht das von Menschen Geschaffene der Natürlichkeit gegenüber. Lyrik, die uns einlädt, einen Berg zu besteigen um sich selbst zu erblicken. Alles ist erneut rhythmisch, klangvoll und stilistisch durchdacht. In der Einfachheit versteckt sich oft ein Gedanke, der aufblitzt und erst später erhellend nachhallt. Einiges ist leicht verspielt und es macht viel Spaß, immer wieder in das Büchlein hineinzublicken.

Jedes Jahr bringt der Schöffling Verlag das Jahrbuch der Lyrik heraus. Die Ausgabe 2022 wurde von Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister herausgegeben. Dieses Buch ist für seiende und werdende Lyrikliebhaber ein Pflichtkauf. Das Buch schreitet die poetischen Landschaften des deutschsprachigen Raums ab. Ein Klangraum voller Entdeckungen. Diese Anthologie bietet einen Einblick in das, was nur Lyrik alljährlich vermag.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Neues aus der Lyrikschatzkiste II

  1. Lieber Hauke,
    herzlichen Dank fürs so schöne Verweisen auf „Ewigzeit“; das freut natürlich auch die Übersetzer! Hab Du mit den Deinen einen guten, zuversichtlichen Rutsch ins Neue Jahr, in dem ich mich wieder auf Deine literarischen Begegnungen freuen darf. Herzlichst, Wolfgang

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